Walter (Walo) Kamm: Der Lebensabenteurer


Ein Leben zu entwerfen, gleicht in vielem darin, ein Bild zu malen. Am Anfang steht ein Grundgefühl, eine Vorliebe für Formen, für Farben oder Kontraste. Vieles von dem, was das fertige Bild ausmacht, lässt sich nicht vorherbestimmen. Und doch kann immer eine Richtung eingehalten werden, stellt sich ein Ablauf ein – schnell, wenn die Umstände günstig sind, langsam, wenn Widrigkeiten auftauchen», schreibt Georg Weber im Vorwort seines Buches Aus Eigenem. Es ist ein passender Einstieg zu den ‘zehn Lebensentwürfen’, die er im Nachfolgenden rückblickend betrachtet. Allen voran die Geschichte eines bemerkenswerten Mannes namens Walter ‘Walo’ Kamm.


Dem Nest entfliehen

Die Sehnsucht, über die Grenzen seiner Welt zu blicken, entwickelte Walter Kamm schon in frühen Jahren. Sein Zuhause am Katzensee bei Zürich war «freudlos» – sein Vater ein «unnatürlich ruhiger Mann», seine Mutter «im Streit mit jedermann.» Beim Lesen der Geschichten grosser Abenteurer entfloh Kamm als Kind seinem Alltag – mal zum Nordpol, mal zum Mount Everest. Doch während er von neuen Horizonten träumte, steuerte sein Leben in eine Zukunft ohne Perspektiven. Kamm musste, trotz seines grossen akademischen Potentials, gleich nach der Sekundarschule eine kaufmännische Lehre absolvieren. Schliesslich sollte das Zepter weiter gereicht werden, von einer Generation zur nächsten. Für Träumereien hatte man keine Zeit.

An dieser Stelle hätte sich die Geschichte Walter Kamms im Sande verlaufen können. Der Kreis hätte sich geschlossen und das freudlose Rad hätte sich mit einem neuen Protagonisten in denselben Bahnen weiterbewegt. Wäre da nicht dieses besagte ‘Grundgefühl’, das Kamm zum Träumer gemacht hatte. Sein Hunger nach Erleben liess sich nicht mit einem konventionellen Leben stillen.

Kamm wollte neue Horizonte entdecken, einen nach dem anderen. Er wollte seine eigenen Spuren ziehen und nicht in die Fussstapfen anderer treten. So begannen bereits im Teenageralter seine ersten «kleinen Fluchten» aus dem Alltag. Per Anhalter reiste der damals 16-Jährige nach Paris, wo er prompt beim Schlafen am Seine-Ufer ausgeraubt wurde. Ein unglücklicher Anfang, der den Zürcher keinesfalls von seinem eingeschlagenen Kurs abbrachte. Mit 21 Jahren unternahm er seine erste Langzeitreise durch fünfzehn Länder rund ums Mittelmeer in einem VW-Käfer.

Eine Anstellung als Buchhalter in der Fluggesell-schaft TWA öffnete Kamm schliesslich zwei Jahre später die ‘Tore zur Welt.’ Mit günstigen Flugtickets überquerte er Ozeane, wann auch immer es sein knapper Urlaub zuliess. Letztlich waren jedoch drei Wochen pro Jahr nicht mehr ausreichend. Der mittlerweile 25-jährige Kamm fasste deshalb den richtungsweisenden Entschluss, Vollzeitreisender zu werden. Drei Langzeitreisen führten ihn, über den Landweg, zunächst nach Asien und wieder zurück mit der Transsibirischen Eisenbahn. Später reiste er von der Quelle bis zur Mündung des Amazonas – und umkreiste schliesslich die ganze Welt.

In einer Zeit, wo es noch «keine brauchbaren Reisehandbücher» gab, beschritt Kamm dabei oft neue Wege. So war er unter anderem einer der ersten Trekker in Nepal sowie nach Jahrzehnten einer der ersten Fremden, die die Himalaya-Regionen Ladakh und Zanskar bereisen durften.

 

Dem Reisen verschrieben

Seine sieben «Weltenbummler-Jahre» seien für ihn eine Schule fürs Leben gewesen, sein Studium, sagt der Globetrotter heute. «Auf Reisen wurde ich lockerer, buchstäblich offener. Ich kam mit mir selbst und anderen Menschen besser klar.» So löste sich Kamm von den Wurzeln los, die ihm nie Halt gegeben hatten; wandte sich ab von einer Vergangenheit, die ihm eine erfüllte Zukunft versagte. Kamm begann seine eigene Geschichte neu zu schreiben und publizierte diese als grosse Bildreportagen in renommierten Zeitschriften.

«Während er abends schreibt, setzt der Reisende einen Weg auf einer anderen Fläche fort, er verlängert sein Vorankommen auf der ebenen Seite,» schreibt Sylvain Tesson in seinem Buch Kurzer Bericht von der Unermesslichkeit der Welt. Kamm schrieb nicht nur, um seine Erlebnisse festzuhalten und in Gedanken weiterzuführen. Er schrieb vor allem, um jeweils sein nächstes ‘Vorankommen’ zu finanzieren.

Auf Reisen besserte er sein Budget zusätzlich mit Gelegenheitsarbeiten auf. So landete er für drei Monate auf dem Filmset von ‘The Last Movie’ in den Bergen Perus im Kreise namhafter Hollywood-Stars, wurde zum Erntehelfer in Neuseeland und zur ‘Deckhand’ an Bord eines Frachtschiffes auf der Fahrt von Buenos Aires nach Rotterdam. Erlebnisse, die seine Geschichten noch bunter färbten und in der Heimat mit schierer Begeisterung gelesen wurden.

 

Destination Büro

Zwischendurch führte ihn sein Weg immer wieder zurück in die Schweiz, wo Kamm im Frühling 1974 erste Diavorträge über seine Abenteuer hielt. «Dabei stellte ich fest, dass viele der jungen Leute nicht wegen der Bilder oder der Story kamen, sondern um von mir Tipps und Tricks zu erfahren, wie sie das selber auch machen könnten. Damals herrschte noch ein Notstand punkto Informationen», erzählt Kamm. Kurzum entschloss sich der Zürcher, eine Informationsstelle zu gründen – den ‘Globetrotter Club’ und später den ‘Globetrotter Service.’ So begann für Kamm die Expedition in eine fremde, bis dato gänzlich unbekannte Welt – eine Reise in das Geschäftsleben.

Anfangen musste Kamm klein. Seine Mittel waren begrenzt und doch waren die richtigen Voraus-  setzungen gegeben: Er besass alle wichtigen Schweizer Tugenden – Fleiss, Disziplin, Bescheidenheit und Anstand – und vor allem stimmte sein ‘Timing.’ «Es war vorhersehbar, dass globetrotterische Individualreisen zum grossen Trend werden würden», meint Kamm. «Ich hatte das ‘Glück’, Pionier in dieser Sparte zu sein.» Ab 1976 gelang der grosse Durchbruch mit dem Verkauf von ‘Graumarkt’-Tickets – Flugtickets, die seitens der grossen Fluggesellschaften preisgünstiger angeboten wurden, um Grossflugzeuge auszulasten. Kamm antizipierte die Nachfrage, kaufte die Tickets im Ausland ein und verkaufte sie weiter. Danach ging es steil bergauf.

«Es war ein wilder Ritt, wie eine Expedition ins Unbekannte», lacht er. «Fast jedes Jahr eröffneten wir eine neue Filiale, ich arbeitete 70 bis 80 Stunden pro Woche, und ‘Ferien’ wurde zeitweise zum unverständlichen Fremdwort.» Im Laufe der Jahre übernahm er gemeinsam mit seinen Geschäfts- partnern Andy Keller und Andre Lüthi zahlreiche weitere Firmen, darunter auch Art of Travel, Media Touristik, Background Tours und Globotrek. 26 Jahre lang leitete er ausserdem das ‘Globetrotter Magazin’ als Chefredakteur. So entwickelte sich ein kleiner Reiseladen zum viertgrössten Reiseanbieter der Schweiz. Mittlerweile beläuft sich der Jahresumsatz auf CHF 250 Millionen.

 

Auf zu neuen Abenteuern

Nun, im Rentneralter, liebäugelt Kamm bereits mit der nächsten Expeditionsreise – einer eigenen Stiftung, mittels derer er vermehrt als Mentor und Förderer tätig sein möchte. Auf seinem Tisch stapeln sich bereits Ideen. Auch Trekking Reisen stehen auf dem Wunschzettel – «sobald es mit dem Knie besser geht.» Vielleicht ja zu einer seiner Lieblingsdestinationen, «den grossen Bergregionen der Welt, vom Himalaya über Pamir, Alpen, Pyrenäen usw. bis zu den Anden, weil dort Natur und Lebensart noch am ursprünglichsten geblieben sind.»

Trotz ungetrübter Reiselust wirkt Kamm zufrieden, wie er da in seiner gemütlichen Ecke beim Bellevue in Zürich sitzt, umgeben von seiner zweiten Leidenschaft, den Büchern. Dicht gedrängt stehen sie in den vielen Regalen, Bände voller Geschichten – Geschichten so wie jene, die sein eigenes Leben schrieb.






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