Freilichtspiele Zermatt: Uraufführung ‘The Matterhorn Story’


Es war eine Geschichte, wie sie nur das Leben schreiben kann. Eine Geschichte, die nach dem grossen Triumph, dem vermeintlichen Happy End, in einer Tragödie endete. Denn nach einer dramatischen Gipfeljagd war er besiegt, der Berg der Berge. Doch dann forderte er den allerhöchsten Preis schliesslich doch noch ein.


150 Jahre später liegt das unheilvolle, geflochtene Hanfseil, wie eine Reliquie auf einem Samtpolster gebettet, im Glaskasten des Matterhorn Museums. Eines der verblassten Enden ist ausgefranst. Dort riss der dünne Strang beim Abstieg, nachdem das Matterhorn bereits bezwungen schien. Vier der sieben Seilgefährten stürzten in den Tod. Hilflos hielt der Zermatter Bergführer Peter Taugwalder das intakte Seil-Ende in den Händen. Mit ihm blickten sein Sohn und der britische Pionier Edward Whymper in den Abgrund. Sie waren die einzigen Überlebenden.

 

Drei Briten und ein französischer Bergführer würden am 14. Juli 1865 nicht ins Dorf zurückkehren. Das Team, das das Rennen auf den letzten unbezwungenen Berg der Alpen gewonnen hatte, hatte zugleich auch verloren. 

 

Doch wie konnte es sein, dass eine an sich so erfahrene Gruppe von sieben Bergsteigern auf diese Weise verunglückte? Dieser Frage geht das Stück The Matterhorn Storyanlässlich des 150-jährigen Jubiläums der Erstbesteigung auf der höchstgelegenen Bühne Europas am Gornergrat auf dem Riffelberg auf den Grund.

 

Vor der Welturaufführung am 9. Juli blicken wir mit Regisseurin und Autorin, Livia Anne Richard, hinter die Kulissen:

 

 

Livia, du kommst ja eigentlich aus Bern. Wie kamst du dazu, die Geschichte der Erstbesteigung des Matterhorns zu inszenieren? 

Ich war in Zermatt am ‘Zermatt Unplugged.’ Während meines Aufenthaltes traf ich Dan Daniell vom Restaurant ‘Chez Heini’, der mir den Floh ins Ohr setzte, doch auch in Zermatt mal ein Freilichttheater zu machen. Während eines Spaziergangs fiel mir ein Denkmal ins Auge. Es hatte den Titel ‘Erstbesteigung Matterhorn, 14. Juli 1865, Edward Whymper.’ Ich sprach Dan Daniell darauf an, und er sagte: «Da steckt ein ganzer Krimi dahinter!» So begann ich alles zu lesen, was es an Literatur über die Erstbesteigung gab. Das war vor vier Jahren.

Später bin ich mit dem fertiggestellten Werk auf die Verantwortlichen für das Jubiläum ‘150 Jahre Erstbesteigung Matterhorn’ zugegangen und habe gesagt: «Ich hätte da ein Stück…»

 

Wie gestaltete sich der Prozess und wie lange dauerte dieser?

Die Recherche dauerte weit über ein Jahr. Das Schreiben an sich ging dann relativ schnell: eines Morgens erwachte ich und mir war klar, wie die Geschichte dramaturgisch verlaufen sollte. Nach dem Schreiben ging es daran, Zermatt zu überzeugen, das Projekt finanziell und ideell zu unterstützen. Dann suchten wir den perfekten Aufführungsort, den wir mit dem unberührten Riffelberg auch bald fanden. Danach kamen Informationsveranstaltungen, Castings, Besetzung, das Zusammenstellen vom Backoffice Team, usw. Geleitet wird das ganze Projekt von Matthias Blum, der nicht einfach ein Projektleiter der technokratischen Sorte sondern sehr Theater-affin und kreativ ist. Das hilft enorm, wir verstehen uns blind.

 

Was waren die grössten Herausforderungen?

Man muss differenzieren: Beim Recherchieren war die grösste Herausforderung, mich auf meinen Bauch zu verlassen und nachzuspüren, wo die Wahrheit liegt. Es sind bei dieser Erstbesteigung vier Menschen ums Leben gekommen. Der Grund, weshalb dies passiert ist, wurde in der mir zugänglichen Literatur zum Teil diametral zueinander stehend dargelegt. Mein Bauch hat laut zu mir gesprochen, aber ich musste die Phase überwinden, in der ich es allen recht machen wollte. Meine Version der Geschehnisse kann, darf und soll auch polarisieren.

Beim Schreiben war die grösste Herausforderung, dass das Stück dreisprachig geschrieben werden musste: Wir haben die englischen Bergsteiger und die einheimischen Walliser, die miteinander eine Mischung aus Hochdeutsch und Englisch sprachen. Dass das Stück inhaltlich funktioniert, wenn man ‘nur’ Deutsch oder ‘nur’ Englisch versteht, das war wirklich ein Puzzle – besonders, weil ich natürlich den Anspruch habe, dass nicht einfach lapidare Wiederholungen in der jeweils anderen Sprache folgen.

Jetzt – bei den Proben mit den Darstellern – ist die grösste Herausforderung, dass ich meine Absicht mit dem Projekt immer wieder überprüfe, niemals auf Effekt sondern immer auf Ehrlichkeit und Authentizität setze.

 

Hast du einen persönlichen Bezug zum Matterhorn und zum Wallis?

Mein lebenslanger Freund und Cousin, Thomas Sterchi, Produzent von ‘Zermatt Unplugged’ ist eigentlich ‘schuld’, dass ich mich in Zermatt verliebt habe. Er hat seit Jahren eine Wohnung in Zermatt und hat mich oft eingeladen.

 

Was ist dein Geheim-Tipp in Zermatt?

Den verrate ich nicht, sonst ist der dann plötzlich überrannt von Horden von Japanern mit Selfie-Sticks.

 

Du stehst als Autorin und Regisseurin für Authentizität. Wie konntest du dies in The Matterhorn Story umsetzen?

 Oh, danke für die Blumen. Dafür stehe ich gern. In ‘The Matterhorn Story’ ist mir dies vielleicht noch leichter gefallen, als bei anderen Werken: es ist per se eine authentische Geschichte. Ich halte mich stringent an Fakten – allerdings mit der notwendigen dramaturgischen und dialogischen künstlerischen Freiheit. Aber ich habe die Leute beim Schreiben innerlich sprechen gehört; sie haben zu mir gesprochen und somit war es leicht. Ich habe mich dermassen in die damalige Zeit eingefühlt, dass ich manchmal fast einen Kulturschock hatte, wenn ich abends ins belebte, heute fast urbane Zermatter Nachtleben eingetaucht bin. Das ganze Stück habe ich übrigens in Zermatt geschrieben, mit dem ‘Hore’ vor Augen. Auch diese Tuchfühlung mit einem Ort führt zu Authentizität beim ‘Endprodukt.’

 

Wie unterscheidet sich The Matterhorn Story von anderen Inszenierungen der Geschichte?

‘The Matterhorn Story’ unterscheidet sich mal sicher bezüglich der Sprachen-Vielfalt, durch die der babylonische Aspekt dieser Erstbesteigung (sieben Männer, drei Sprachen) wie von selbst zum Tragen kommt. Dann ist es naturgemäss eine universell funktionierende Geschichte: übersteigerter Ehrgeiz, falsche Absichten wie Rache (Whympers Motiv, von Zermatt aus, das bislang unbesiegte Matterhorn besteigen zu wollen, war Rache. Sein italienischer Bergführer, Jean-Antoine Carrel, der ihn in der Nacht zuvor auf der italienischen Seite des Matterhorns sitzen gelassen hatte, um ohne ihn in Richtung Gipfel loszugehen, hat dieses unheilvoll überstürzte Unterfangen überhaupt ausgelöst.) Aberglaube, Mentalitäts- und Bildungsunterschiede (die eloquenten, reichen Engländer versus die einfachen, analphabetischen Bergler) – dies’ alles sind Themen des ‘Menschlich-Allzumenschlichen’, die sich gestern, heute und morgen, überall auf der Welt wiederholen könnten.

 

Wie schaffst du den für dich typischen Tiefgang?

Tiefgang schafft man nicht. Den lässt man zu. Das spürt man, oder man spürt es nicht. Mich interessiert immer das Darunter. Das Warum. Das Nicht-Offensichtliche. Ich glaube, das ist eine Sache der Weltanschauung. Das zieht sich durch mein ganzes Leben. Ich bin zum Beispiel auch nicht befähigt, den sogenannten ‘Small Talk’ zu führen und mache um das sogenannte ‘Networking’ einen grossen Bogen, wenn ein Anlass nur zu diesem Zweck als Plattform dienen soll.

 

Ist The Matterhorn Story eine Geschichte für Einheimische sowie Besucher? Wenn ja, warum wird sie beiden gerecht?

 Es ist die Geschichte der Einheimischen. Es ist die Geschichte der Engländer. Es ist ein Stück Walliser Geschichte, ein Stück Schweizer Geschichte und ein Stück Weltgeschichte. Es ist, wie schon gesagt, eine universell gültige und somit universell verständliche Geschichte. Eine ganz zentrale Bedeutung kommt im Stück der Musik zu: der Berner Bruno Bieri begleitet das Stück live auf seinem Naturton-Instrument Hang. Das geht einem direkt ins Herz, egal, woher man kommt. In den Szenenübergängen haben wir speziell auf das Stück abgestimmte Musik des Litauischen Streichquintetts Intermezzo. Der Komponist Lionius Treikauskas hat zusammen mit Bruno Bieri gezaubert; die Musik passt auf das Stück wie ein ein massgeschneiderter Anzug. Das Stück und die Musik werden alle erreichen, die sich darauf einlassen.

 

Das Stück wird am Riffelberg und nicht im Dorf aufgeführt. Warum genau dieser Standort?

Es ist ein authentischer Standort – sorry, dass ich schon wieder mit diesem Wort komme. Auf dem Riffelberg steht das berühmte Bergsteigerhotel ‘Riffelhaus’, welches bereits im Jahre 1854 die englischen Herren beherbergte. Es gibt da ein ‘Bergführerbuch’ (Gästebuch), in welchem ich Einträge von Edward Whymper, Reverend Hudson, etc. gefunden habe. Sogar Mark Twain hat den Riffelberg beehrt.

Kommt hinzu: Dort oben ist das Paradies. Keine Lichtverschmutzung, der Himmel ganz nah, ab und zu der Pfiff eines Murmeltiers, ansonsten absolute Ruhe; das gewaltige Matterhorn vis-à-vis der Tribüne lässt einen spüren, wie klein und unbedeutend wir sind. Um ein Stück aufzuführen, dass sich im Jahr 1865 abspielt, gibt es keinen besseren Ort. Denn nichts erinnert dort oben an die heutige Zeit.

 

Die Schauspieler, die The Matterhorn Story Leben einhauchen sind sowohl Profis als auch Laien. Warum diese Mischung und wie gestaltete sich die Auswahl?

 Die Profis sind virtuose Spieler, mit denen ich bereits in Bern gearbeitet habe. Die Laien stammen praktisch alle aus Zermatt, einige kommen aus Bern. Die Mischung hat auf der einen Seite einen ganz pragmatischen Grund: das Budget würde niemals reichen, um das ganze Stück mit Profis zu besetzen. Auf der anderen Seite: Selbst wenn wir genügend Geld hätten, möchte ich gar nicht mehr Profis. Und ja, hier sind wir wieder bei der Authentizität: ein Zermatter Bergführer, gespielt von einem Zermatter Urgestein, macht das auf eine Art, an der ein Profi nur scheitern könnte. Und die beiden Taugwalders, die ihre eigenen Vorfahren spielen, welche das Unglück zusammen mit Whymper als Einzige überlebt haben, haben diese Geschichte mit der Muttermilch aufgesogen. Da vermischt sich Theater mit realem Leben auf eine Art, die einzigartig ist.

 

Du wurdest vom Berner Bär 2014 zur erfolgreichsten Kulturschaffenden erkoren. Was bedeutet diese Auszeichnung für dich?

Es ist eine Anerkennung, die mich freut. Oft habe ich aber das Gefühl, dass ich – verglichen mit anderen Menschen – zu viel davon erhalte. Wo bleibt die öffentliche Anerkennung von Geriatrie-Pflegerinnen, die alten Menschen liebevoll die Hand halten beim Füttern? Von Gefängnis-Wärtern, die in den Häftlingen trotzdem noch Menschen sehen und sie auch so behandeln? Von Küdermannen, die uns den Dreck vor der Haustür abtransportieren?

 

Was macht für dich den Erfolg eines Stückes aus und was erhoffst du dir von The Matterhorn Story?

Ich denke nicht an ‘Erfolg’ – das ist für jeden künstlerischen Prozess tödlich. Ich wünsche mir, dass aus unserem Arbeiten ‘erfolgt’, dass wir die Menschen auf der Tribüne erreichen und berühren. Das Einzige, das ich ständig mache, ist, meine Absichten zu überprüfen. Gnadenlos. Niemandem gefallen zu wollen, sondern nur zu spüren, ob es stimmt. Und somit das beizutragen, was ich kann, damit der Funken von uns auf das Publikum überspringt.

 

Warum sollte man The Matterhorn Story unbedingt gesehen haben?

Ich mag diese Frage nicht. Sie setzt mir den Hut der ‘Verkäuferin in eigener Sache’ auf. Das kann ich nicht. Ich freue mich aber, wenn die Leute, die das Stück gesehen haben und ihren Freunden erzählen, warum man ‘The Matterhorn Story’ gesehen haben muss. Aber natürlich nur, wenn sie das auch so empfinden…

 

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Tickets und weitere Informationen:

www.freilichtspiele-zermatt.ch

Preise:

Classic CHF 99*, Premium CHF 129* inkl. Programmheft, Kinder Classic CHF 55*, Premium CHF 69* inkl. Programmheft, Rollstuhlfahrer: Classic CHF 99* inkl. einer Begleitperson gratis

Gruppentickets sind ab 10 Personen buchbar.

*Preise inklusive Bahnfahrt Zermatt-Gornergrat-Zermatt. Gültig jeweils am gesamten Vorstellungstag.

 

Spieldaten:

9. Juli – 29. August 2015, Jeweils Mittwoch bis Samstag 19:30 Uhr, Sonntag 14:00 Uhr

Vorstellung vom 1. August 2015 um 14:00 Uhr

Spieldauer:

Die Aufführung dauert ca. 90 Minuten. Es gibt keine Pause

Alter:

Das Theater eignet sich für Kinder ab 8 Jahren.

Sprachen:

Deutsch, Englisch, Walliser-Deutsch

 

Spot Tipp: Angebot Parkhotel Beau Site Zermatt

‘Auf Whympers Spuren’ im Jubiläumsjahr der Erstbesteigung des Matterhorns. Zwei Übernachtungen mit Frühstück, 2 Tage Panorama Pass, 1 Eintritt ins Matterhorn Museum, 1 Ticket für die Zermatter Freilichtspiele, 1/2 Flasche Rotwein und 1 kleines Gourmet Picknick, kulinarische Beau Site-Highlights an einem Abend, Wellness und vieles mehr für CHF 599 pro Person im Doppelzimmer.

Angebot gültig von 9. Juli bis 29. August 2015

 www.parkhotel-beausite.ch

Text: Carina Scheuringer
Fotos: Hannes Zaugg






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