Freddy Nock: Stadtgeschichten – Nerven aus Stahl


„Bei sechs Fahrern gibt es Abstände von 50-70cm. Das verlangt Kontrolle, Können und Perfektion. Nur dann ist die Sicherheit gewährleistet und das ist das Allerwichtigste.“ Freddy Nock


Freddy und Stephanie Nock zeigen, wie es geht. Im Zentrum einer zweieinhalb Tonnen schweren Stahlkugel stehen links die 24-jährige Artistin und rechts ihr 50-jähriger Vater mit ihren Motorrädern. Ein kurzer Austausch und schon fahren sie auf Kommando gleichzeitig los. Die Runden sind zuerst horizontal, gehen dann immer mehr in die Vertikale über. Schliesslich flitzen die Hondas von oben nach unten und von links nach rechts. Als Zuschauer hält man unweigerlich den Atem an; schier unmöglich ist es, dem rasanten Geschehen mit den Augen zu folgen. Die beiden Profis kommen bei der dreiminütigen Vorführung jedoch kaum ins Schwitzen. Sie haben schon viel schwierigere Aufgaben gemeistert.

2005 wurde das Vater-Tochter Duo gemeinsam mit vier anderen Motocross-Fahrern in der sogenannten Todeskugel zu Weltrekordhaltern. Die Idee stammte von der damals 15-jährigen Stephanie, die zu diesem Zeitpunkt noch ein absoluter ‘Motorrad-Neuling’ war. Nach drei Monaten intensivem Training war es soweit: In der Sendung Mega Clever auf Pro 7 sicherte sich das Team den Eintrag in das Guinness Buch der Rekorde für das Fahren mit sechs Motorrädern in einer Stahlkugel mit einem Durchmesser von 4.9 Metern. „Wir scherzten damals, dass wir es beim nächsten Mal mit sieben Leuten machen würden”, erinnert sich Freddy Nock mit einem Schmunzeln. Und genau das stand bei der diesjährigen Motorradausstellung Swiss Moto auf dem Wunschprogramm.

 

Der Mensch zählt

Bereits im Dezember begann Nock mit dem Casting für das Gross-Event, dem am 20. Februar auf dem Gelände der Messe Zürich 400 Zuschauer beiwohnen sollten. 150 Interessenten hatten sich auf die Ausschreibung gemeldet. 25 davon kamen in die engere Auswahl und stellten ihre Fähigkeiten im Tägipark in Wettingen unter Beweis. Dabei war neben der Beherrschung des Fahrzeuges vor allem der Mensch selbst ausschlaggebend. „Für mich zählt das Innere. Ich schaue, wie ein Mensch rüber kommt, ob er angeben will”, erklärt Nock.

Die dreizehn Finalisten – elf Männer und zwei Frauen – waren „gewöhnliche Bürgerliche” und alles andere als Profis. Doch genau das hatte er auch so gewollt, bestätigt Nock. Artisten und Zirkusleute hätten oft ein zu starkes Konkurrenz-denken. Dieses hatte er als Teil der siebten Generation der über hundert Jahre alten Zirkusdynastie Nock selbst zu oft erlebt. So hat der fünffache Vater 1999 nach 30 Jahren die Manege verlassen und sich mit siebzehn Weltrekorden als Soloartist und Extremsportler etabliert.

 

Die Lehren des Meisters

Für den neuesten Versuch im Rahmen einer aufwändig inszenierten Show mussten die Fahrer in Form eines intensiven Einzel- und Gruppenunterrichtes vorbereitet werden. So wurde um die Weihnachtszeit bis zu dreizehn Stunden pro Tag trainiert, später jeden Nachmittag. Alle Tägipark-Besucher konnten dabei zusehen, denn die grosse Stahlkugel stand direkt neben dem COOP.

„Die Kugel ist keine Strasse, es gibt mehr Kurven, und man rutscht auch viel schneller weg. Fährt man falsch ein, kann einem das Motorrad entgleiten. Man muss wissen, wie man den Körper richtig bewegt”, beschreibt Nock die Herausforderungen, der sich die Novizen stellen mussten. „Bei sechs Fahrern gibt es Abstände von 50-70cm. Das verlangt Kontrolle, Können und Perfektion. Nur dann ist die Sicherheit gewährleistet – und das ist das Allerwichtigste.”

Von Beginn an zeichnete er die Entwicklung der Kandidaten auf, um sie bei der Swiss Moto präsentieren zu können. Dabei wurde natürlich auch eine Reihe von schlimmen Stürzen dokumentiert – manchmal mit zwei oder sogar drei Beteiligten. „Auch das ist ein Teil des Lernprozesses. Ich hatte selbst viele Unfälle, habe noch mehr gesehen und daraus meine Lehren gezogen. Und genau diese Erfahrung und dieses Wissen habe ich an die Fahrer weitergegeben”, erklärt der Meister. „Das Wichtigste ist, richtig zu reagieren. Man muss das Motorrad loslassen, von sich wegstossen und den Körper zusammenziehen. Es gab viele Situationen, in denen ich sehr stolz auf das Verhalten meiner Jungs und Mädels war.” Aber, und das ist das Allerwichtigste: Sie sind immer wieder aufgestanden und haben es erneut versucht.

 

Die Qual der Wahl

Nach rund zweimonatigem Training auf Elektrobikes im Tägipark musste Nock am 1. Februar schliesslich die schwierige Entscheidung treffen, die sechs besten Motorradfahrer aus seiner Truppe für Freddy Nock’s World Record Team auszuwählen. „Diese Entscheidung ist mir alles andere als leicht gefallen”, verkündete er über das Mikrofon. „Ihr habt alle riesige Fortschritte gemacht und fährt alle sehr gut. Ich wähle aber jene sechs Personen, die Nerven wie Drahtseile haben.”

Die endgültige Wahl fiel auf die Studentin Romina Berger (28), den Metallbauschlosser Dominik Gächter (25), den Zimmermann Ron Regener (34), den Polymechaniker Stefan Huber (25), den Fugenspezialisten Benjamin Koffel (26) und den Design-Ingenieur Manuel Zaugg (24). Dazu wählte Nock noch zwei Ersatzfahrer aus, für den Fall, dass ein Team-Mitglied im letzten Moment ausfallen sollte.

 

Die grosse Nervenprobe

Am 5. Februar wurde die Stahlkugel im Tägipark abgebaut und zwei Tage später auf das Gelände der Messe Zürich verlegt. Hier wartete eine neue Herausforderung: das Fahren mit den 150er Hondas, die für den Weltrekordversuch eingesetzt werden sollten. Denn bis zu diesem Tage hatte man aufgrund des geschlossenen Raumes mit Elektrobikes trainieren müssen. Eine neue, sehr schwierige Aufgabe für alle Beteiligten. „Es ist, als würde man von einem Automatik-Auto auf ein Fahrzeug mit Gang-Schaltung umsteigen”, meint Nock.

Romina Berger merkte schnell, dass ihr die Umstellung auf Benzin nicht gelegen war und übergab Ihren Platz an Thomas Stadelmann. So stand das endgültige Team schlussendlich fest und fand sich am 20. Februar voller Erwartung an der Swiss Moto 2014 ein.

 

Die Stunde der Wahrheit

Mit begeistertem Applaus wurden die sechs Laien und ihr Lehrer Nock von hunderten Zuschauern begrüsst, die sich eng in den eigens inszenierten Raum drängten. Das Team wäre gut vorbereitet und ruhig, meinte Nock kurz. Er selbst hätte zwar wenig, aber gut geschlafen, doch würde sich wie alle auf den Versuch freuen.

So zwängten sich wenig später sieben Töfffahrer in die Todeskugel. Knapp zwei Minuten lang zogen sie in perfektem Abstand zu einander ihre Kreise im Inneren des stabilen Metallgeflechts  – 1.5 Minuten mehr, als für den Weltrekord nötig gewesen war. Einzig das Aufheulen der Motorräder war zu hören, im Raum hielt das Publikum den Atem an und starrte gebannt auf das Schauspiel. Das Zusammenspiel der einzelnen Akteure war perfekt, das Unmögliche war vollbracht.

Glücklich liessen sich das Weltrekordteam schliesslich von den Massen feiern. Sie hatten Nerven aus Stahl bewiesen. Nur war es Zeit für Emotionen.






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