Fotografie Profi-Tipps: Was ist ein gutes Bild ?


Alberto Venzago und Robert Boesch zaehlen zu den international renommiertesten Schweizer Fotografen. In einem Gespraech mit Hannes Fechlin von der Profot AG Zuerich lassen sie in ihre Kunst einblicken und kehren dabei immer wieder zur Frage aller Fragen zurueck: Was ist ein gutes Bild?


Hannes Felchlin: Gibt es Regeln in der Fotografie? 

Venzago: Zu Beginn muss man einmal viel wissen. Erst, wenn man die nötigen Grundlagen hat, kann man die Regeln brechen. Sonst ist jedes gute Bild ein Zufallstreffer.

Bösch: Genau! Regeln sind gute Richtlinien, doch dann muss man sie auch missachten. Und zwar bewusst. Denn nur so kommt man weiter. Ich habe letztens mit einem der besten Gleitschirmflieger zusammengearbeitet und er hat es in einem Interview gut auf den Punkt gebracht, als er sagte: Was du im Lehrbuch liest oder in der Schulung erfährst, ist alles notwendig, damit du ein gewisses Niveau erreichst. Danach musst du aber darüber hinausgehen und es anders machen. Ich finde, das ist in der Fotografie nicht anders. Das heisst natürlich nicht, dass das Resultat immer gut ist. Aber wenn du es nie versuchst, dann repetierst du nur.

Venzago: Ich glaube auch, dass es als Fotograf wichtig ist, dass du eine Handschrift bekommst und da kann es auch sein, dass du eine gewisse Regel brichst. Schlussendlich geht es doch immer nur um eine Frage: Ist es ein gutes Bild?

Bösch: Ja! Und wenn ein Bild gut ist, ist es gut. Egal, ob die Regeln eingehalten wurden. Wie bereitet ihr euch auf eure Motive vor?

Venzago: Eine gute Vorbereitung ist für mich im Fotojournalismus eigentlich schon fast das fertige Bild. Besonders, wenn man mit Menschen arbeitet, ist es essentiell, so viel als möglich über sie zu wissen. Ich habe zum Beispiel einmal ein Buch über die japanische Mafia gemacht. Ehe ich sie fotografieren konnte, musste ich die Mitglieder zuerst einmal kennenlernen und sie mich – und das ohne Kamera!

Bösch: Das ist natürlich, schon von der Idee alleine, ein gewaltiges Projekt! Bei mir in der Bergfotografie ist es vollkommen anders. Der grösste Teil meiner Arbeit ist gar nicht planbar. Zumeist besteht meine Vorbereitung einzig darin, dass ich die Kamera ins Auto lege und weiss, in welche Richtung ich losfahre. Vor Ort arbeite ich dann instinktiv, greife aber natürlich immer auf meine Erfahrung zurück. Somit sind die Jahre, die ich schon gearbeitet habe, eigentlich meine Vorbereitung. Bei mir gibt es nur wenige Fälle, bei denen es überhaupt möglich ist, etwas zu planen und auch dann kann man nur einen Teil wirklich beeinflussen; zum Beispiel, welche Leute man wann und wohin mitnimmt. Letztlich bleiben immer die Ungewissheit des Wetters und der situationsbedingten Gegebenheiten vor Ort. Ständig muss man improvisieren. Das bedeutet natürlich Druck, aber ich habe diesen Druck eigentlich noch ganz gerne.

Venzago: Ja, ich finde, es hat auch seinen Reiz, unvorbereitet zu sein und auf den bestimmten Moment reagieren zu müssen. Deswegen setze ich mich in jeder Stadt, in der ich ankomme, eine Nacht lang ins Taxi und fotografiere Plakate. Da muss man so schnell sein, wie ein Heckenschütze (lacht).

Hannes Felchlin: Welche Eigenschaften erachtet ihr als unerlässlich für einen Fotografen? 

Bösch: Sehen zu können, ist hilfreich. (lacht)

Venzago: Das ist das Erste. Das Zweite ist, richtig sehen zu können! (lacht) Also für meine Art der Fotografie – eine Fotografie, die Geschichten erzählt – muss man vor allem neugierig sein. Man muss wissen wollen, was sich hinter der nächsten Ecke verbirgt; ansonsten geht man ja gar nicht dorthin.

Bösch: Bei mir in der Bergfotografie ist es anders. Mir geht es um die Bilder, nicht um Geschichten. Wenn ich unterwegs bin, will ich das beste Bild aus der Situation herausholen. Es geht also weniger um das Gesamtwerk, sondern um das Einzelbild. Doch auch hier ist wieder die Umsetzung essentiell.

Venzago: Ein gutes Bild muss Emotionen wecken, berühren und auf verschiedenen Ebenen wirken. Wir sehen ja tonnenweise Bilder und doch gibt es immer wieder jene, die uns ergreifen.

Bösch: Und genau das gilt es, zu erreichen. Für uns Fotografen hat die «déformation professionnelle» unweigerlich zur Folge, dass wir fast reflexartig einem Bild ansehen, was dahintersteckt. Aber gleichzeitig gibt es Bilder, an denen wir hängen bleiben. Und so ist für mich das Brechen von Regeln eine wichtige Eigenschaft. Meiner Meinung nach ist es für einen Fotografen nützlich, alles zu hinterfragen, was er automatisch macht. Das heisst nicht, dass man alles über den Haufen werfen muss, aber man sollte offen sein, einmal etwas anders zu machen. Besonders dann, wenn man etwas fotografiert, das an und für sich nicht aussergewöhnlich ist. Bilder vom Mars ziehen. Doch Bilder vom Letzigrund müssen schon überraschend sein, damit sie etwas Besonderes darstellen. Und es ist ja die Aufgabe des Fotografen, Bilder zu finden, die spannend sind.

Venzago: Das bringt uns zurück zur Frage, was ein gutes Bild ist… Früher, vor der digitalen Fotografie, musste man viel genauer arbeiten; hatte weniger Aufnahmen zur Verfügung. Ich fand das noch gut.

Bösch: Auch gab es damals keine Kontrollmöglichkeiten. Man musste – praktisch blind – im Moment entscheiden, ob man das Bild nun im Kasten hatte, oder nicht. Dadurch musste man viel bewusster arbeiten und sich seiner selbst sicherer sein. Heute kann man abdrücken und kontrollieren.

Venzago: Findest du das gut?

Bösch: Es ist einfach so! Und natürlich macht es das Fotografieren einfacher. Aber es hat dazu geführt, das wir heute unendlich viele gute Bilder haben und dass es immer schwieriger wird, sich abzuheben. Das schafft man nur noch, indem man es anders macht oder neue Welten zeigt – so wie mit deinem Projekt mit der japanischen Mafia.

Venzago: Trotzdem bin ich immer wieder an Ausstellungen fasziniert, was noch alles möglich ist.

Hannes Felchlin: Im Spot Fotowettbewerb prämieren wir Bilder aus der Schweiz. Wo würdet ihr ein tolles Motiv in der Schweiz vermuten oder suchen? 

Venzago: Ich finde, das Beste ist zumeist das Nahe-liegendste. Man muss nicht weit gehen, um die Schweiz zu finden, denn sie liegt direkt vor unserer Haustüre. Man muss nur genau hinsehen! Ich habe einmal ein Buch nur über das Tram 4 gemacht. Unglaublich, was man dort alles sieht!

Bösch: Wer denkt, er würde einen Schweizer Wettbewerb sicher gewinnen, weil er nach Zermatt geht und dort zwei Alphornbläser sucht, die er vor das Matterhorn stellt, hat sicher verloren. Was zu typisch ist, wird schnell zur Banalität. Da kann man auch gleich Käse fotografieren! Die grösste Falle ist, an einen wunderschönen Ort zu gehen und das Offensichtliche zu machen. Das heisst aber nicht, dass Klischees immer schlecht sind, denn man kann auch mit ihnen spielen und überraschen. Letztlich ist der Unterschied zwischen einem guten und einem aussergewöhnlichen Bild klein, aber entscheidend. Und man kann ihn nicht erzwingen. Deswegen muss man den Zufall respektieren. Das ist bei uns professionellen Fotografen auch nicht anders. Wir müssen garantieren können, immer gute Bilder zu machen, doch manchmal gelingt auch ein Bild, das darüber hinausgeht. Und genau darum geht es bei einem Wettbewerb. Ein Einzelbild kann nicht sagen: Das ist die Schweiz; doch es kann überraschen und sagen: Auch das ist die Schweiz!

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Alberto Venzago ist einer der renommiertesten Reportagen-Fotografen der Schweiz und hat sich als ‘concerned photographer’ sowie als Magnum- Fotograf einen Namen gemacht. Er wurde vielfach ausgezeichnet, so z.B. mit dem Robert Capa Award. www.venzago.com 

Robert Bösch ist Geograf, Bergführer und seit 30 Jahren freischaffender Fotograf. Er zählt international zu den wichtigsten Outdoor-, Action- und Landschaftsfotografen und hat auch schon den Mount Everest bestiegen. www.robertboesch.ch

 

Text: Interview: Hannes Felchlin
Fotos: Hannes Felchlin, Serge Hoeltschi und zVg






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