UNESCO Welterbe Lavaux – Das grosse Erbe


Die Kulturlandschaft Lavaux ist das Vermächtnis fleissiger Mönche und ein Erbe der Menschheit. Es zu bewahren, ist eine Lebensaufgabe, die Leidenschaft erfordert.


Es ist ein perfektes Bild: hunderte, nein tausende Weinreben ranken in schnurgerade Linien nebeneinander wie Soldaten beim Appell. Es hat den Anschein, als stürzen sie Steilhänge senkrecht hinab, oder ziehen schwungvolle Parallelen zum Lac Léman, der verheissungsvoll in der Tiefe glitzert.

Tüchtigen Zisterziensermönchen verdankt die Schweiz eine ihrer malerischsten Weinanbaugebiete. Bereits im 12. Jahrhundert begannen die Ordensbrüder die steilen Wälder am nordöstlichen Seeufer des Lac Léman zu roden und auf dem Gelände terrassenförmige Rebberge anzulegen.

Über Jahrhunderte hinweg schufen sie eine einzigartige Kulturlandschaft, welche im Jahre 2007 in das Inventar des UNESCO Welterbes aufgenommen wurde. Seither gehört die 898 Hektar grosse Region Lavaux mit ihren vierzehn Gemeinden zu den elf Natur- und Kulturgütern der Schweiz. Diese gilt es nicht nur zu erhalten, sondern vor allem behutsam weiterzuentwickeln.

 

Ein Hang zum Genuss

Über 250 Winzer teilen sich heute knapp 600 Hektar Rebfläche, unterteilt in unzählige «Parchets» (Parzellen); die kleinste nur wenige Quadratmeter gross. Jedes Fleckchen Land ist kostbar; die Arbeit knochenhart. Steigungen zwischen 13 und 43 Prozent machen den Einsatz grosser Maschinen vielerorts unmöglich; jedoch gerade deshalb bürgt diese schwierige Lage für die beste Qualität.

«Dank der extrem steilen Südlage ist die Sonneneinstrahlung ideal. Man nennt Lavaux auch das Land der drei Sonnen», erklärt Welterbe-Führer Matthew Richards. «Die Sonne lacht direkt auf die Reben, der Lac Léman reflektiert ihre Strahlen und die Terrassen speichern ihre Wärme.»

«Der zweite Qualitätsfaktor ist das «Terroir», also der Boden und das spezielle Mikroklima», so Matthew weiter. «Das «Terroir» spricht durch die Wurzeln der Reben und gestaltet so den Geschmack der Chasselas-Weine.» In der Lage Saint-Saphorin zum Beispiel müssen die Wurzeln das Wasser mühevoll aus lehmigen Schieferböden ziehen. Das Resultat ist ein besonders blumiger, kräftiger und fruchtiger Wein. In Chardonne wiederum sorgen mineralische Böden für gut strukturierte, charaktervolle Tropfen.

Um von den Vorteilen der Teilregionen zu profitieren, sind die Winzer der Region bestrebt, Güter in möglichst verschiedenen «Terroirs» zu besitzen. «Ich bin überall unterwegs», bestätigt Frédéric Dubois, dessen Weinberge in Dézaley, Espesses, Chardonne und Saint-Saphorin verstreut sind. «Es ist ein beliebter Zeitvertreib meiner Familie, Blind-Degustationen durchzuführen, um alleine vom Geschmack des Weines abzuleiten, aus welchem «Terroir» die Reben stammen. Zumeist liegen wir auch richtig!»

 

Die Handschrift von Generationen

Bei den «Frères Dubois» denkt und arbeitet man in Generationen. Frédéric führt zwar seit acht Jahren gemeinsam mit Bruder Grégoire den Familienbetrieb; jedoch sind Vater Christian und Grossvater Marcel noch immer in die Geschehnisse involviert.

Ersterer war es dann auch, der den «Dézaley-Marsens De la Tour Grand Cru 1984» kelterte. Für diesen Wein wurden seine Söhne anlässlich des «Mondial du Chasselas 2013» gleich mehrmals ausgezeichnet. Letzterer gesellt sich regelmässig bei der Verkostung in der Vinothek dazu. Mit Ausnahme des 1983er Jahrgangs sind bei den «Frères Dubois» nämlich Weine, zurückgehend bis zum Jahre 1971, verfügbar. Und zu jedem einzelnen Tropfen kann Marcel eine Geschichte zu erzählen.

 

Wein natürlich

Während Frédéric und Grégoire die Tradition ihrer Vorfahren weiterführen, ist Pierre Fonjallaz ein Winzer, der gerne aus der Reihe tanzt. Kniehoch steht das Gras zwischen seinen Weinstöcken. Zitronenmelisse, Minze und Brennnesseln gedeihen prächtig. Auf einem Blatt tummelt sich ein Marienkäfer.

Pierre ist ein Schüler der Natur, der das Wesen seiner Reben verstehen und sie ihren Bedürfnissen entsprechend betreuen will. Chemisch-synthetische Pestizide lehnt er kategorisch ab. Stattdessen umsorgt er seine Pflanzen liebevoll mit Kräutertee, um sie so vor Krankheiten zu bewahren oder Mangelerscheinungen entgegenzuwirken. Seine Wiese mäht er ein-, eventuell zwei Mal im Jahr.

Seine Art der Bewirtschaftung nennt sich bio-dynamischer Anbau und ist ein Experiment fern aller Konventionen, das – der Natur und der Gesundheit des Menschen zuliebe – die natürliche Balance im Weinberg wieder herstellen soll. Es ist ein Ansatz, der nicht überall Anklang findet. Manche betrachten den Winzer, der ein Abkömmling einer der ältesten Weinbauer-Dynastien Lavaux ist, schlicht als Sonderling.

Doch Pierre sind die Meinungen und kritischen Blicke anderer egal. Er ist überzeugt: Aus einem geschundenen Weinberg kommen langfristig keine grossen Weine. Die entstehen immer mit der Natur, nie gegen sie. Nur in Natur sieht er das grösste Erbe, das es zu bewahren – beziehungsweise wieder herzustellen gilt.

 

Tradition und Innovation

Das ist ein Ansatz, für den sich auch Winzerin Mélanie Weber interessiert. Sie ist bereits dabei, auf eine biologische Produktion umzustellen und tauscht sich gerne mit Pierre aus. Mélanie ist ein offener, herzlicher Mensch, der – einmal überzeugt – gerne bereit ist, eigene Wege zu gehen.

Während ihre Schwester keinerlei Interesse zeigte, entschied sich Mélanie bereits mit 16 Jahren – wie einst ihre Grossmutter – dafür, Winzerin zu werden. Als sie schliesslich das Familiengut von ihrem Vater übernahm, pflanzte sie zusätzlich zu den traditionellen, auch südlichere Rebsorten. «Diese Idee hatte ich schon mit 19 Jahren, doch mein Vater war dagegen», schmunzelt sie.

Heute sprudelt herrlich duftender Merlot aus ihren Fässern, der ebenso köstlich mundet, wie die Kollektion aus Chasselas aus Calemin oder Espesses und Dézaley. Zwei Hektar Land bewirtschaftet Melanie mit einem Helfer in Eigenregie, produziert pro Jahr 17’000 Flaschen und schafft den Spagat zwischen Mutter und Jungunternehmerin bravourös.

«Ich liebe meine Arbeit», meint sie schlicht, während sie uns stolz die uralte Weinpresse präsentiert, mit der sie bis heute keltert. «Der Stein stammt aus dem Gotthardmassiv. Er kam zuerst, dann wurde das Haus darüber gebaut», so Mélanie. Dass sie die Presse heute noch verwendet, hat mit der Qualität ihrer Weine zu tun. Denn auch bei Mélanie zählt nicht die Masse – und ein Wein ist nicht nur die Erinnerung an eine Saison, sondern auch die Arbeit der Menschen, die ihn in liebevoller Handarbeit kreiert haben. Nur dank der Leute, die jeden Tag aufs Neue das Beste aus den steilen Feldern Lavaux zu machen versuchen, kann das Erbe der Region weitergeführt werden – jetzt und auch in Zukunft.

 

Lavaux Patrimoine mondial

Sentier des Vinches 1

1091 Grandvaux

+ 41 (0)21 946 15 74

www.lavaux-unesco.ch

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Was unternehmen?

Lavaux entdecken:

Geführte Touren in Französisch, Englisch, Deutsch, Italienisch, Spanisch und Japanisch ab CHF 35

 

Pierre Fonjallaz: www.vins-fonjallaz.ch

Frères Dubois: www.lfd.ch

Mélanie Weber: www.mw-vins.ch

Nadia Cuénoud: www.nadiacreation.ch

Text: Carina Scheuringer
Fotos: Sam Anderson






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