Naters: Tradition im UNESCO-Welterbe Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch – Schwarz auf weiss


Wie eine Seidenrobe fällt das Haarkleid samtig weich zu Boden. Frisch gewaschen, gestriegelt und gebürstet, glänzt es wunderschön in der warmen Nachmittagssonne.


Franz ist zufrieden. Er legt grossen Wert auf sein Äusseres. Deshalb stört es ihn auch nicht allzu sehr, einmal pro Jahr richtig viel Zeit zu investieren, um es auf Vordermann zu bringen. Schliesslich könnte er ja morgen zum neuen ‘Mister Wallis’ gekürt werden. Das wäre viel wert. Und so hält er still, während sich die Experten ans Werk machen. Denn die wissen genau, worauf die Fachjuroren beim jährlichen Schönheitswettbewerb Wert legen.

Grundsätzlich stehen die Chancen für Franz nicht schlecht. Er entspricht dem Schönheitsideal einer Walliser Schwarzhalsziege. Vorne ist er schwarz wie die Nacht und hinten weiss wie Schnee. Die Trennung verläuft beinahe geometrisch. Zudem hat Franz zwei wuchtige, elegant geschwungene Hörner, lange Stirnfransen und ein gutes Fundament. Er kann es sich also leisten, optimistisch zu sein.

Dabei geht es seinem Besitzer, Alexander Schnydrig, nicht unbedingt ums Gewinnen. Schnydrig ist nicht jemand, der seine Ziegen in aller Herrgottsfrühe am Wettkampftag in die Waschanlage treibt. Viel lieber zelebriert er dieses mehrstündige Ritual am Vortag in der fröhlichen Gesellschaft seines Sohnes und zweier Freunde, mit denen er sich auf dem Simplon eine Alp teilt. Etwas platteres Haar nimmt er dafür gerne in Kauf. Der Präsident des Oberwalliser Ziegenzuchtverbandes ist ja nicht Schwarzhalsziegenzüchter aus Ehrgeiz, sondern aus Leidenschaft.

 

Traditionsreiche Vermächtnis

Es ist wahrlich gut, dass es Menschen wie Schnydrig und seine Kumpanen gibt, die seit Jahrzehnten ihre Freizeit der Zucht der Walliser Gletschergeiss widmen. Denn die Schönheitskönigin unter den Ziegen zählt zu den seltensten und ältesten Haustierrassen der Welt. Heute gibt es in der Schweiz rund 3’000 Herdebuchtiere. Davon leben bis auf wenige hundert Stück allesamt im Oberwallis. Dort können Besucher auf Wanderwegen zwischen dem grossen Aletschgletscher und den Südhängen des Bietschhorns in der einzigartigen Region des UNESCO-Welterbes Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch Bekanntschaft schliessen.

Es sollen afrikanische Einwanderer gewesen sein, welche die Schwarzhalsziege vor über 1000 Jahren über das Rhonetal ins Wallis gebracht haben. Das meinen zumindest die Einen. Andere wiederum behaupten, das eindrückliche Geschöpf sei der einzige Nachfahre der italienischen Kupferziege. Sicher jedoch ist, dass die trittfesten Kletterer über mehrere Generationen hinweg eine massgebliche Rolle bei der dezentralen Besiedelung und Pflege des ländlichen Raumes im Kanton Wallis spielten und sich so als einheimische Rasse etablierten. Heute zählt die Schwarzhalsziege zum regionalen Kulturgut.

 

Kulturgut Ziege

„Der Erhaltung dieser Rasse ist ein besonderes Augenmerk zu schenken”, schrieb Staatsrat Wilhelm Schnyder 2004 im Vorwort des Jubiläumsbandes zum 25-jährigen Bestehen des Oberwalliser Ziegenzuchtverbands. Gemeinsam müsse man sich den Herausforderungen stellen, die besonders in Zeiten enormer landwirtschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen beachtlich seien.

Die Zukunft der Gletschergeiss liegt auch heute, zehn Jahre später, in den Händen von Liebhabern wie Schnydrig und seinen Kumpanen, die gemeinsam aus purer Freude an diesem Tier über hundert Prachtexemplare halten und gewissenhaft den Pflege- und Zuchtmassnahmen nachkommen. Um Geld geht es ihnen dabei nicht. Zum Melken sind die Ziegen aufgrund ihrer langen Haare ungeeignet und auch der Erlös des Fleischverkaufes ist gering. Nur die besonders schönen Zuchtböcke sind ertragreich, doch verkauft man diese mehr als ungern. Schliesslich weisen sie bei tiefem Inzuchtgrad besonders vielversprechendes Erbgut auf.

„Gutes Erbgut ist keine Garantie für prächtigen Nachwuchs.”, so Arnold Bernhard, einer der Freunde Schnydrigs. „Der schönste Bock führt nicht unbedingt zum schönsten Kitz.” Es ist eine Lotterie, bei der diejenigen Ziegen gewinnen, welche die Rassenmerkmale perfekt aufweisen. Denn wenn es darum geht, die Art in ihrer Schönheit zu erhalten, muss man sich auf jene Tiere konzentrieren, die gute Chancen haben, sie erfolgreich fortzusetzen.

 

Im Felsen zuhause

Nach der Schneeschmelze ziehen die Geissen und Jungtiere auf die Alp, um dort den Sommer zu verbringen. Ausgewählte Böcke dürfen erst zur Deckzeit im Herbst zur Herde stossen. Als sprichwörtliche Haustiere verbindet so die Widder eine enge Beziehung mit ihren Besitzern.

Franz freut sich, wenn ihm Schnydrig seinen täglichen Besuch abstattet. Neugierig klettert er das steile Gelände zum Stall hinab, um zu sehen, ob sein Menschen-Papa vielleicht eine Überraschung für ihn hat. Wie alle Schwarzhalsziegen ist Franz ein Schleckermaul und frisst am liebsten junge Bäume, Tannenschösslinge, Blumen und frische Gräser. Aber auch zu einem Stück Brot sagt er nicht nein.

Schliesslich braucht er ausreichend Energie, um seiner Lieblingsaktivität nachzukommen: dem Klettern. Franz ist ein wahrer Künstler in den Felswänden. Er meistert problemlos Übergänge, die Menschen ohne Hilfsmittel nicht anzugehen wagen. An heissen Tagen klettert er besonders gerne hoch hinaus. Denn es gefällt ihm, wenn der Aufwind kühlend durch sein dichtes Haar streift. Er ist eben ein richtiger Geniesser.

Deswegen verweilt er auch nicht gerne im Regen. Bei schlechtem Wetter wartet er lieber unter Felsvorsprüngen oder in Nischen. Dementsprechend froh ist im Winter, im heimeligen Stall sein zu dürfen, wenngleich er sich im Spätherbst zumeist nur ungern Schnydrig und seinen Kumpanen von der geliebten Alp ins Tal treiben lässt. Aber irgendwann geht eben auch der grösste Spass wieder zu Ende.

 

Spieglein, Spieglein an der Wand

Glücklicherweise verkürzt jedes Jahr der Bockmarkt von Naters die Wartezeit bis zum nächsten Alpaufstieg – wie am 12. April dieses Jahr.

Franz bekommt am frühen Morgen noch den letzten Feinschliff. Zum wiederholten Male bürsten Schnydrig und sein Sohn die langen Haare und schaffen rund um die Kufen mittels Haarspray zusätzliches Volumen. Dann trottet Franz, erhobenen Hauptes, zum Festplatz Stapfen in Naters. Dort warten schon 130 andere Mitstreiter.

Die Konkurrenz ist übermächtig. Doch um diese macht sich Franz wenig Sorgen. Er weiss, dass er fantastisch aussieht. Und so stolziert er wenig später, eleganten Schrittes, durch die Arena, vorbei an Dutzenden Schaulustigen und begleitet von den Augen der kritischen Juroren. Diese bewerten sein Gesamt-Erscheinungsbild, sein Aussehen und seine Gangart.

Eine Stunde später dann das Resultat. Franz musste einen Punkte-Abzug in Kauf nehmen. Er stolzierte wohl doch nicht so perfekt, wie er selbst dachte. Sein Menschen-Papa Schnydrig befindet dieses als in Ordnung und erhebt keinen Einspruch. So also ist Franz, in diesem Jahr, nicht unter den acht Maximumtieren, die um den Titel wetteifern. ‘Mister Wallis’ wird schlussendlich ein gewisser ‘Caruso’, der Prachtbock des Namensvetters Marc Schnydrig. Franz kann damit gut leben. Er ist kein schlechter Verlierer. Schliesslich wartet zur Belohnung fürs Schönsein dennoch ein Ballen frischen Heus auf ihn.

 

Spot wissen:

Die Konzentration von 90 Prozent des Scharzhalsziegen-Bestandes auf ein begrenztes Kerngebiet birgt hohe Risiken. So könnte eine Seuche die Rasse innert Tagen in ihrer Existenz gefährden. Dieses zeigte der CAE-Virus, der es in den frühen 90er Jahren erforderlich machte, 3’500 Tiere not zu schlachten. Der Oberwalliser Ziegenzuchtverbands setzt sich dafür ein, insbesondere Jungbauern in der Schweiz und dem benachbarten Ausland für diese Art zu begeistern und zum Züchten zu animieren.

 

Informationen:

Oberwalliser Ziegenzuchtverband

Geimen, 3904 Naters

+41 (0) 27 923 84 80

www.oziv.ch

 

Praktisches:

Der Naters Bockmarkt findet jeden April statt.






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