Streifzüge durch die Urschweiz


Auf der neuen Schwyzer Tal- und Gipfeltour rauben einem nicht nur die Höhenmeter den Atem. Auch die Weit- und Tiefblicke sind spektakulär und hinterlassen einen ebenso bleibenden Eindruck, wie die besonderen Menschen auf dem Weg. 


Der Tag beginnt in der Schwebe. Spontan lässt Herbert Zumbühl frühmorgens die kleine rote Luftseilbahn für uns fahren. Zum Dank nehmen wir zwei Schachteln Geschirr für ihn mit hoch. Seit zwei Monaten sind der Frühpensionist und Ehefrau Klara die neuen Pächter auf dem Urmiberg. Für Klara ein Kindheitstraum, dem zuliebe sie ihren Büroalltag, ohne zu zögern, aufgab.

«Ich liebe die Ruhe, die Natur; das Bimmeln der Kuhglocken; die schöne Aussicht», schwärmt die 58-Jährige. «Hier oben ist man so weit weg von allem. Hier gibt es keine Probleme. Ich lese auch keine Zeitung mehr, weiss daher gar nicht, was alles Schlimmes passiert in der Welt.»

Was wie Ferien klingt, ist hart verdient. Die Zumbühls sind sowohl für den wirtschaftlichen Erfolg der Timpelbeiz, als auch der Bahn verantwortlich. Einen entspannten Sonnentag kennen sie nicht. Doch das stört sie auch nicht wirklich, denn der Urmiberg ist für sie eine wahre Herzensangelegenheit.

Orte der Inspiration 

Auch Blanca Imboden hat es der Urmiberg angetan. Als die Bestseller-Autorin nach einem Ort der Handlung für ihr nächstes Buch suchte, kam nur der Ausläufer der Rigi infrage. «Ich habe mich so richtig verliebt», gesteht sie, während sie genüsslich ein Stück von Klaras täglich hausgemachtem Kuchen verkostet. Längst zählt Blanca im Timpel zu den Stammgästen. Hier findet sie ihre Inspiration in den Begegnungen, der Natur und vor allem in der bezaubernden Aussicht.

Letztere präsentiert sich eben in diesem Moment von einer besonders stimmungsvollen Seite, denn scheint die Berglandschaft, die nun vor uns liegt, beinahe so, als würde sie über der Welt schweben. Unten ist das Tal wolkenverhangen; oben ragen – wie von der Erde abgeschnitten – die Innerschweizer Höhenzüge stolz in den Himmel. Gestaffelt liegen sie hintereinander, von dunkel bis hell schattiert. Ein Reich zwischen Himmel und Erde, dessen Gesicht sich jede Minute auf das Neue verändert.

Orte der Faszination 

Es ist eine Welt, mit welcher wir gleich im Anschluss auf Augenhöhe treten werden, denn sind wir, wie auch Blanca selbst – ungeachtet des Titels ihres Bestsellers ‘Wandern ist doof’ – echte Wandervögel! In zwei Tagen werden wir einige Teiletappen der neuen Schwyzer Tal- und Gipfeltour absolvieren und hierbei die Vielfalt des viel zu unterschätzten Kantons kennenlernen.

Die Schwyzer Tal- und Gipfeltour umfasst in kompletten Version 120 Kilometer, 6’000 Höhenmeter, 42 Stunden Wanderzeit und führt über die Rigi in die Mythenregion und dann weiter ins Gebiet Stoos-Muotatal. Die kürzere Variante kann in drei Tagen oder Teilabschnitten absolviert werden. Besonders praktisch ist der Gepäckservice für

CHF 10 pro Tag und der Touren-Pass, welcher jeweils 20 Prozent Rabatt auf die Bahnfahrten ermöglicht. Ferner bieten die teilnehmenden Unterkünfte – vom Wellness-Hotel über Berggasthäuser bis hin zum Schlafen im Stroh – alle Check-ins bis mindestens 21:00 Uhr und Frühstück ab spätestens 7:00 Uhr. Ideal zur flexiblen Gestaltung der Tour!

Orte des Vergnügens 

In Sattel sodann unser nächster Höhenflug: Mit der «Stuckli Rondo», der ersten Drehgondelbahn der Welt, schweben wir in nur acht Minuten zum Mostelberg, während die Landschaft um uns herum rotiert. Oben angekommen, erwartet uns der Geschäftsleiter der Sattel-Hochstuckli AG, Simon Zobrist, seine Ehefrau und zwei aufgeregte Töchter.

Ein Blick über ihre Köpfe und der Grund wird klar: In unmittelbarer Nähe zur Bergstation beginnt die gewaltige Sprung- und Hüpfburganlage «Stuckli Jump» langsam Gestalt anzunehmen. Auch die Sommerrodel- und Tubingbahnen öffnen bald ihre Pforten. Ein überdimensionaler Spielplatz; der Traum aller kleinen und grossen Kinder!

Papa Simon versteht es, die Wartezeit zu verkürzen. «Es ist eine runde Sache hier», meint er und schreitet zur Tat: Über die «Raiffeisen Skywalk», die längste Fussgängerhängebrücke Europas, führt er uns zum Berggasthaus Herrenboden mit Kinderspielplatz und integriertem Kleintierpark und – vorbei an eindrücklichen Feuerstellen – wieder zurück zum Ausgangspunkt. Wir haben viel gesehen und zugleich eine Stunde überbrückt. Nun können sich die Kinder in der «Stuckli Jump» so richtig austoben.

Orte mit Weitblick 

Uns zieht es weiter. Wir folgen dem leicht ansteigen-den Panoramaweg zur Mostelegg, wo sich ein faszinierender Tiefblick auf das Herz der Urschweiz eröffnet. Eingebettet in die grüne Tallandschaft, liegt die Kantonshauptstadt umringt von schneebedeckten, wachenden Bergriesen. In der Ferne glitzert beim Rütli der schöne Vierwaldstättersee.

Vor uns zweigt in Richtung Mythen ein schmaler Pfad ab und klettert sanft über mit Blumen bedeckte Wiesen und durch lichte Wälder zum beliebten Ausflugsrestaurant Haggenegg. Hier müssen wir uns den Weg kurzzeitig mit Autos teilen, ehe wir bei der Passhöhe den Jakobsweg streifen. Danach führt unsere Route rechts querfeldein durch die Wiese, vorbei an einem idyllischen Picknickplatz und durch den Wald entlang der rechten Nordflanke des Kleinen Mythens.

Die beiden Felspyramiden geleiten fortan unseren Weg. Sie sind Zeugen längst vergangener Tage; die Überbleibsel einer Gesteinsdecke, die es sonst nördlich der Alpen nicht mehr gibt. Im abwechslungsreichen Auf und Ab der Landschaft begleiten sie uns zur «Alp Zwüschet-Mythen.» Seit 15 Jahren stellt dort die Familie Suter im Sommer Käse her. Robert jr. ist gerade damit beschäftigt, die Wiese für die Kühe vorzubereiten.

Wir stören ihn nicht weiter und wandern im Schatten der mächtigen Felsformationen des Nordfusses des Grossen Mythens über Kieswege zur Holzegg und weiter zum «Ski-Haus», wo Ruth Fuster unseren Hunger mit Bärlauchspätzli und Älplermagronen stillt. Es war der Zufall, der die Appenzellerin in die Mythenregion brachte; oder eine glückliche Fügung, wenn man so will. Schon lange hatte sie von einem Leben als Wirtin einer kleinen Beiz geträumt, wie es auch in ihrem Heimatkanton so viele gibt. Doch fündig wurde sie hier in der Innerschweiz. Heute erzählt sie mit so viel Begeisterung aus ihrem Leben, als könne sie ihr Glück noch immer nicht fassen.

Nun haben wir bereits unser Ziel vor Augen! Durch den Wald und über ein letztes Steilstück gelangen wir rechtzeitig zum Dessert im neuen «Restaurant Gipfelstubli», wo uns Gastgeber Linus Rickenbacher herzlich in Empfang nimmt. Der gebürtige Schwyzer ist auf der Rigi aufgewachsen; seine Eltern waren die Besitzer des Hotels Rigi-Bahn und er führt nun, seit einem Jahr, den Betrieb auf der Rotenflue unter dem Label «ächt SCHWYZ.»

«Ächt SCHWYZ ist ein Projekt von Schwyz Tourismus, Gastronomen und Produzenten der Region. Mit authentischen Gerichten aus regionalen Zutaten wollen wir ein kulinarisches Erlebnis schaffen», erklärt Linus und liefert den Beweis in Form einer aussergewöhnlichen Glacé.

Doch dass wir heute überhaupt hier sein und wenig später schwerelos in das Tal schweben dürfen, grenzt schon an sich an ein kleines Wunder. Nahezu zehn Jahre war das ein Ding der Unmöglichkeit, nachdem die Gondeln, die seit 1975 den Hausberg von Rickenbach vom Tal aus erschlossen hatten, stillgelegt werden mussten. Nur durch die unermüdlichen Bemühungen der Rotenfluebahn Mythenregion AG, dabei federführend Nathalie Henseler, konnte schlussendlich eine neue Ära eingeläutet werden. «Und was für eine!» stimmen wir überein, als wir den Tag mit einem weiteren unbeschreiblichen Panoramablick ausklingen lassen. Am nächsten Morgen erwartet uns das nächste Abenteuer…

Orte der Herzen 

«Es wird uns Muotathalern nachgesagt, dass wir hinterwäldlerisch und verschlossen sind», meint Beat Heinzer nachdenklich. Ein Geist, so schmal wie die Täler. Ein Stolz, so hoch wie die Berge. Wir kennen dieses Sprichwort auch von anderen Bergregionen.

Zugegebenermassen rücken gerade hier, am Ende des Muotatals, die Berge immer näher zusammen, doch muss ich mich nur umblicken, um dieses Cliché zu widerlegen. «Es stimmt natürlich nicht», stellt Beat richtig. Er selbst ist der lebende Beweis! Vor fast 20 Jahren gründete er mit vier heimatverbundenen Freunden die «erlebniswelt muotathal GmbH» getreu den Grundsätzen des naturnahen Tourismus, um Besuchern die Schönheit und Vielfalt seiner geliebten Heimat näher zu bringen, dessen Wert er so sehr schätzt.

Und so schlugen die Jungunternehmer ungewöhnliche Wege ein und eröffneten ganz hinten im Tal, dort, wo sie niemanden störten, ein Husky Camp. Heute ist aus den bescheidenen Anfängen ein richtiges Dörfli, die sogenannte Husky-Lodge, mit gutem, «ächt SCHWYZ» Essen, gemütlichen und luxuriösen Unterkünften, Wellness, Tagungsräumen und einem umfassenden Erlebnisprogramm geworden. Ein Geheimtipp nicht nur im Winter!

Dreissig Huskies zählt die Familie indessen. Nach einer Besichtigung ihres Geheges dürfen wir die Kraft der Hunde am eigenen Leibe spüren. Wir begeben uns auf ein kurzes Trekking entlang des rauschenden Baches, wo die Erlebniswelt auch Rafting anbietet. Nur allzu gerne würden wir bis zur abendlichen Fütterung verweilen, doch die Zeit wird knapp. Bei der Luftseilbahn Illgau – St. Karl warten bereits die Kinder. Eine ganze Gruppe von ihnen möchte uns ihre innovative Attraktion zeigen: Den mit viel Liebe und Kreativität gestalteten «Chäferliweg».

Aufgeregt laufen sie zum neuen Waldspielplatz St. Karl im Schatten alter Baumriesen. Genau hier beginnt das Abenteuer! Eine Tannenzapfen-Rennbahn, ein Seilbähnli, ein grosser Baukran, ein Laufsteg, die Hexe Lolita mit ihrem Haus und dem Hexenpfad, eine Hexenküche – all das und vieles mehr lässt die Kinderherzen höher schlagen. Problemlos könnten sie hier einen ganzen Tag verbringen, wären da nicht die «Chäferli».

Die sieben Kinder der Familie Käfer haben Verstecken gespielt und warten nun, an verschiedensten Orten zwischen Tal- und Bergstation darauf, entdeckt zu werden. Mit Käferkarten ausgerüstet, machen sich unsere kleinen Entdecker auf den drei Kilometer langen Weg und werden dabei im doppelten Sinne fündig. Verschiedenste Highlights finden sich entlang der Strecke, wie ein Glockenspiel und ein zweiter Erlebnis- und Grillplatz.

Doch wo waren nun alle sieben Käfer? Na, das wollen wir nicht verraten! Denn das gehört zu den vielen schönen Geheimnissen, die jeder selbst entdecken sollte. Wie die Tal- und Gipfeltour selbst, deren weitere Etappen wir sicherlich auch noch bewandern werden.

 

Menschen am Weg

Blanca Imboden ist die Autorin des Bestsellers «Wandern ist doof.» Sie hat sich in den Urmiberg «verliebt» und schreibt dort gerade an einem neuen Buch.

Robert Suter jr. verbringt seit fünfzehn Jahren seine Sommer auf der «Alp Zwüschet-Mythen»; stellt dort mit seinen Eltern Käse her und bewirtet die Gäste.

Ruth Fuster wollte immer schon eine Bergbeiz führen und hat sich nun mit dem «Ski-Haus» den Traum zwischen Mythen und Rotenflue erfüllt. Sie liebt die Lage und die netten Menschen.

Linus Rickenbacher leitet seit einem Jahr das Restaurant «Gipfelstübli» auf der Rotenflue und setzt sich als Mitglied von «ächt SCHWYZ» für die Förderung regionaler Kulinarik und Produkte ein.

 

Highlights unserer Route

Urmiberg: www.urmiberg.ch 

Sattel-Hochstuckli: www.sattel-hochstuckli.ch 

Alp Zwüschet-Mythen: www.brunnialpthal.ch 

Ski-Haus Holzegg: www.skihaus-holzegg.ch 

Rotenflue Gipfelstubli: www.mythenregion.ch 

‘erlebniswelt muotathal’: www.erlebniswelt.ch 

Illgauer Chäferliweg: www.seilbahn.illgau.ch

 

Praktisches

Schwyz Tourismus

Zeughausstrasse 10

6430 Schwyz

+41 (0)41 855 59 50

www.schwyz-tourismus.ch 

Die Schwyzer Tal- und Gipfeltour schenkt Freiheit. Die Tour kann auf die persönlichen Wünsche zugeschneidert werden, d.h. die Route, die Zahl und Länge der Etappen sowie die Unterkunft selbst bestimmt werden.

Buchbar 1. April; bis 1. November

Tal- und Gipfeltour Highlights, Tourenvorschläge und Pauschale: 3 Tage/2 Nächte inkl. Hotels, Bergbahnen und Gepäcktransport ab CHF 340 www.talundgipfeltour.ch 

Kulinarisches Erlebnis: www. aecht-schwyz.ch 

 






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