Solothurn – Juwel an der Aare


Solothurn | Die schönste Barockstadt der Schweiz ist eine Stadt der vielen Gesichter. Wir entdecken an einem erlebnisreichen Tag ihre Vielseitigkeit und lassen uns von ihrem einzigartigen Charme verzaubern.


Die sympathische Elferstadt 

Solothurner ticken anders. Am Amthausplatz schlägt Punkt elf Uhr ihre Stunde. Dann spielen elf Glocken das Lied der Stadt. Danach zählt das drei Meter hohe Kunstwerk von Paul Gugelmann die Stunden mit nur elf Ziffern weiter: Das nennt sich Solothurner Zeit.

Seit Menschengedenken ist in der schönsten Barockstadt des Landes «das Öufi» heilig. Warum, weiss niemand so genau, doch das ist auch nicht wichtig. Wichtig ist, dass Solothurn als elfter Stand in die Eidgenossenschaft eintrat – zwar nicht geplant, denn wäre es eigentlich an zehnter Stelle gewesen, hätte sich Basel nicht vorgedrängt. Doch es kam, wie es sollte. Und so prägt die Elf heute nicht nur das Stadtbild mit ebenso vielen Kirchen und Kapellen, öffentlichen Brunnen, Türmen und natürlich der St. Ursen-Kathedrale mit ihren elf Glocken, elf Altären, drei Mal elf Stufen auf der Freitreppe und den elf Türen. Die magische Zahl ist auch ein integraler Teil der Solothurner Psyche. So trinken Solothurner zum Beispiel vorzugsweise «Öufi»- Bier und «Öufi»-Whisky.

Die Liebe zur Elf ist ungewöhnlich, steht doch die Zehn symbolisch für Vollkommenheit, während die Elf die Übertretung und somit auch die Sünde repräsentiert. Doch vielleicht geht es eben genau darum. Etwas Unvollkommenheit ist vielmals sympathischer als das Pendant. Und sympathisch ist Solothurn allemal, wie wir im Zuge einer kleinen Entdeckungstour aus erster Hand feststellen dürfen.

Stadt der Geselligkeit 

An einem frühen Morgen begrüsst uns ein besonderer Duft. Das Aroma von frisch gemahlenem Kaffee und knusprigen Gipfeli lockt uns in die «Stadtrösterei», ein Gemeinschaftsprojekt des Bäckers Martin Laube und des Kaffeerösters Bernhard Mollet im Wiener Stil. Die Einstimmung ist passend. «Die Solothurner sind gesellige Leute», verrät Stadtführerin Susanne Im Hof, während sie genüsslich ihren Oetterli Kaffee schlürft. «Deshalb weist die Stadt auch eine aussergewöhnlich hohe Dichte an Restaurants, Cafés und Bars auf.»

Der Hang zur Geselligkeit ist leicht nachvollziehbar. In Solothurn lässt es sich nämlich vorzüglich verweilen. Etwas Besonderes ist das Ambiente der barocken Altstadt, die zu Recht als schönste des Landes gilt. Sie ist das Vermächtnis einer interessanten Geschichte.

Die Barockstadt 

Vom 16. bis 18. Jahrhundert war die Stadt an der Aare Residenz der Gesandten des französischen Königs, der sogenannten «Ambassadoren.» Solothurner wurden als Söldner reich und investierten ihr Geld in die Verschönerung der Stadt sowie in feudale Landsitze ausserhalb. Der barocke Stil zeigt sich bis heute in unzähligen historischen Baudenkmälern. So zum Beispiel im Palais Besenval oder der Jesuitenkirche, deren Fassade einst König Ludwig XIV. stiftete.

In der verkehrsfreien Altstadt führt uns Susanne im Zuge einer Stadtführung zu den Highlights und untermalt jede Station mit spannenden Anekdoten aus längst vergangenen Tagen – von Napoleon bis Casanova. Für das Wahrzeichen, der St. Ursen- Kathedrale, nehmen wir uns besonders viel Zeit. Die berühmte Pisoni-Freitreppe führt vorbei an den Figurenbrunnen von Moses und Gedeon/Simson ins Innere der imposanten frühklassizistischen Kirche, wo im Chor der berühmte Hochaltar von Francesco Pozzi steht, bestehend aus sechzehn verschiedenen Marmorsorten. Ein beeindruckendes Kunstwerk, von dem uns nur das Versprechen des Domschatzes in der Sakristei weglockt.

Nach einer ausführlichen Erkundung steigen wir zum Abschluss noch die gewundene Treppe zur Turmspitze empor und werden oben mit einem prachtvollen Panorama belohnt. Zu unseren Füssen erstreckt sich Solothurn in seiner ganzen Schönheit. Wir lassen den Blick über Häuser, Giebel und unzählige Türme von der Aare bis zur Jurakette schweifen, blicken tief hinunter in das Herz der Altstadt, wo jeden Samstag der beliebte Wochenmarkt stattfindet, und staunen über die vielen Kuriositäten, die es zu entdecken gibt. Viele kann Susanne erläutern: Etliche Häuser haben zum Beispiel zwei Dächer – ein Überbleibsel aus dem Mittelalter, wo die Stadtmauer strassenseitig und die Menschen dahinter nur mit Blick in die Innenstadt wohnten. Für uns in der heutigen Zeit undenkbar.

Die Kulturstadt 

Heute zeichnen Solothurn andere Dinge aus. Die Stadt liegt landesweit bei den Kulturausgaben pro Kopf an stolzer vierter Stelle. Die Vielfalt an Museen reicht vom «Historischen Museum» über das international ausgezeichnete «Naturmuseum» bis hin zum «Kabinett für sentimentale Trivialliteratur» und viele mehr. Elf insgesamt – natürlich! Internationales Ansehen geniessen auch die kulturellen Veranstaltungen wie die «Solothurner Filmtage», der «Solothurner Kunstsupermarkt» und die «Solothurner Literaturtage.» Ein grosses Vermächtnis für eine kleine Stadt.

Doch damit nicht genug! Einen gemütlichen Spaziergang von der Solothurner Altstadt entfernt, befindet sich ein ganz besonderer Geheimtipp: Die Einsiedelei St. Verena. Die der heiligen Verena geweihte Ermitage ist ein Kulturgut von nationaler Bedeutung. Sie liegt inmitten eines Naturschutzgebietes und bietet mit zwei Kapellen, teilweise aus dem 12. Jahrhundert, eines der ältesten Bauwerke Solothurns. Bemerkenswert sind vor allem der prächtige Altar mit seinen Alabasterstatuen und der szenisch gestalteten Heiliggrabdarstellung unter einem Triumphbogen, die barocke Ölbergdarstellung mit lebensgrossen Figuren und die Magdalenengrotte mit der Steinstatue der Heiligen.

Heute ist die Klause vom deutschen Eremiten Michael Daum bewohnt. Jahrhunderte vor ihm soll die Heilige Verena hier in einer Höhle gelebt und Kranke geheilt haben. Eine Öffnung in der Felswand markiert jene Stelle, in der ihre Hand im letzten Moment noch Halt fand, als sie beinahe vom Hochwasser führenden Bach mitgerissen wurde – bis heute ein Ort, an dem Wünsche in Erfüllung gehen sollen.

Die Naturstadt 

Der romantische Spaziergang durch den Wald und entlang des Verenabaches ist gesäumt von Findlingen, die Gletscher einst zurückliessen, als sie die Landschaft formten. Entlang des Weges erinnern in den Felsen gehauene Gedenktafeln an verdienstvolle Solothurner Persönlichkeiten. Ein besonderes Naherholungsgebiet, das sich zu besuchen lohnt.

Einen Abstecher wert ist auch unsere nächste Station Witi Altreu, wo 1948 das Wiederansiedlungsprojekt der Weissstörche gestartet wurde – mit grossem Erfolg. Dank der Initiative leben mittlerweile wieder rund 200 Storchenpaare in der Schweiz, davon viele hier in der Region, wo sich gegenwärtig über dreissig Storchennester befinden.

Im April 2004 hat der Verein «Für üsi Witi» das Areal der ehemaligen Storchensiedlung übernommen und betreibt nun ein Informationszentrum zum Lebensraum Witi. Zu entdecken gibt es viel Interessantes über Geschichte und Bedeutung der Witi sowie über ihre heutigen tierischen Bewohner: Hasen, Störche, Vögel usw. Danach bietet das Ausflugsrestaurant «Zum grüene Aff» mit seiner wunderschönen Terrasse direkt an der Aare die perfekte Einkehr.

Direkt nebenan befindet sich auch die Schiffsanlegestelle der Bielersee Schifffahrtsgesellschaft BSG, von wo aus wir an unserem Erlebnistag die Rückreise nach Solothurn starten. Zwischen Solothurn, Biel, Murten und Neuenburg ist zu Wasser der Weg das Ziel – hier reist man auf dem längsten Wasserweg der Schweiz vorbei an schmucken Dörfern und Städten und durch wunderschöne Natur- und Auenlandschaften, während sich die Aare durch das Mittelland und die Jurakette windet. Das 10 km von Solothurn entfernte Altreu kann übrigens auch mit dem Fahrrad erreicht werden. Die Veloroute direkt der Aare entlang bietet Natur pur.

Als wir mit einem Kopf voller Geschichten und einem Herz voller Eindrücke zurück in Solothurn an Land gehen, können wir uns noch nicht von der Barockstadt trennen. Und so lassen wir den wundervollen Tag im Solothurner Sinne in der grünen Fee ausklingen: Mit etwas Geselligkeit.

 

Region Solothurn Tourismus 

Hauptgasse 69, 4500 Solothurn 

+41 (0)32 626 46 46, solothurn-city.ch 

 

Witi Schutzzone 

Altreu, 2545 Selzach 

+41 (0)32 623 51 51, witi-schutzzone.ch 

 

Schifffahrt auf der Aare 

Fahrtzeit: Solothurn-Altreu ca. 40 Minuten 

Preise und Zeiten: bielersee.ch

 

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Was unternehmen?

INSIDER TIPP 

Eines der spannendsten «Öufis» verbirgt sich im Naturmuseum, einem der elf Solothurner Museen: Dort bewegt sich das Foucaultsche Pendel jede Stunde um elf Grad. Mehr verrät eine Themen-Stadtführung zur magischen Zahl Elf.

Die Turmterrasse der St. Ursen-Kathedrale kann vom 1. April bis 31. Oktober besucht werden. Eintritt: CHF 3/Erwachsener

Weitere Informationen unter: solothurn-city.ch

Text: Carina Scheuringer
Fotos: Sam Anderson, Carina Scheuringer






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