Murgsee: Sardona-Welterbe-Weg – Die Spuren der Zeit


Der Weg durch die geologische Geschichte der Alpen beginnt in Filzbach und führt, über sechs Etappen und 7’900 Höhenmeter, bis nach Flims. Keine andere Route gewährt tiefere Einblicke in die Prozesse und Spuren der Gebirgsbildung – und das damit verbundene Welterbe-Gebiet. Drei Tage begehen wir die ersten beiden Etappen des namentlichen Sardona-Welterbe-Weges am Stück und absolvieren die weiteren Höhepunkte der Tektonikarena Sardona später in Form von separaten Tagesausflügen.


 

Steile Berghänge, sanfte Ebenen, strahlend weisse, schneebedeckte Gipfel – an keinem anderen Ort erzählen die vielfältigen Gesichter der Alpen ihre Entstehungsgeschichte eindrücklicher als hier, im kaum bekannten Grenzgebiet der Kantone Glarus, St. Gallen und Graubünden. Seit fünfzehn Jahren existiert in der Region Sarganserland-Walensee-Glarnerland ein sogenannter „Geopark.” Dieser wurde vor fünf Jahren um den Kanton Graubünden erweitert. Der Welterbe-Weg, der als SchweizMobil Route 73 ausgeschildert ist, durchquert das gesamte Gebiet und trägt die rot-weiss-rote Bergwandermarkierung.

 

Der Lauf der Geschichte

An einem Dienstag Morgen beginnt unsere Tour beim Parkplatz in Filzbach. Von hier führen viele Wege nach Habergschwänd, der ersten Station am Welterbe-Weg. Cherez Tschopp und Marina Satapathy fällt die Entscheidung ausnahmsweise leicht. Die Zeit drängt; das gesetzte Ziel ist gross. In weniger als 48 Stunden möchten die beiden den Walensee erreichen. Die Murgsee- und Spitzmeilenhütte am Weg sind bereits gebucht. Dazwischen liegen 32 km und 2’930 Höhenmeter, die es gilt, im Fussmarsch zu bewältigen. So sind die mit dem Sessellift einge-sparten 540 Höhenmeter sehr willkommen.

 

Bereits an der Bergstation erwartet die Wanderinnen die erste eindrückliche Aussicht. Hoch oben über dem Walensee thronen die gewaltigen Churfirsten, ein Naturdenkmal mit interessanter Geologie. Klar sichtbar ist am Sichelkamm eine Falte, die zwei unterschiedliche Gesteinsschichten trennt – die Gesteine der Säntis-Decke auf den Gipfeln und die Gesteine der Mürtschen-Decke am Fusse der Berge. Es ist eine interessante Einstimmung zum Thema, das Cherez und Marina zwei Tage lang – wortwörtlich – auf Schritt und Tritt begleiten wird.

 

Bereits während des kurzen Abstieges zum Talalpsee werden 100 Millionen Jahre Erdgeschichte im Zeitraffertempo erlebt. Sechs Informations-Tafeln identifizieren die ständig älter werdenden Gesteinsschichten entlang der Route – beginnend mit den hellen, 50 Millionen alten Fossilien im dunkelgrün-schwarzen Assilinengrünsand bei der Bergstation Habergschwänd, über bizarre Kalkformationen entlang der ersten Etappe bis hin zu den 150 Millionen Jahre alten Schratten-, Betlis-, Öhrli- und Quinterkalken gegen Wegende.

 

Am romantischen Talalpsee werden Cherez und Marina schliesslich von einem unerwarteten Schauspiel überrascht: ein wanderner Alphornspieler veranstaltet ein impromptu Konzert inmitten einer Herde grasender Kühe. Spontan packen die Wanderinnen die mitgebrachten Sandwiches aus und lauschen dem imposanten Echo, das von den Berghängen akustisch widerhallt. Eine Stärkung ist für die nun folgenden Aufstiege nötig.

 

Geschoben und geschichtet

Vom Talalpsee klettert der Weg über eine steile Karschwelle zum Spanneggsee und dann weiter zur Mürtschenfurggel. Mit jedem Schritt offenbaren sich neue Formen in einer Landschaft, die Cherez kurzum als „paradiesischen Wildgarten” beschreibt. Die Spuren der Alpenbildung sind allgegenwärtig – durch den Furggel verläuft ein steil stehender Bruch, dort wo die östliche zu der westlichen Seite um 800 bis 1’000 Meter nach Norden geschoben wurde.

 

Bimmelnde Kuhglocken begrüssen die Wanderinnen in Ober Mürtschen. Wer hier eine Rast einlegen möchte, kann auf der Alp zwischen Ziegenmilch und Ovomaltine wählen. Cherez und Marina eilen weiter; die Zeit läuft, denn nur bis 18 Uhr wird in der Murgseehütte Abendessen serviert.

 

Mit jedem Höhenmeter wird nun der Boden nässer, dunkler und färbt sich schliesslich im typischen Rot des 300 Millionen Jahre alten Verrucano-Gesteins. Daneben prägen Schichtabfolgen aus der Trias- und Jurazeit die Landschaft.

 

Nach dem letzten tückischen Steilstück dann endlich der redlich verdiente Ausblick auf das Tagesziel: in einer verträumten, von Gletschern gesäumten Kar-(Hochgebirgsmulden-)Treppenlandschaft glitzert umgeben von Mooren der malerische Murgsee. Und direkt am Wasser lockt die Murgseehütte. Nach einem 6.5 stündigen Fussmarsch endet somit der erste Tag im Welterbe-Gebiet: belohnt mit einem grossen Schnitzel und ‘Licht aus’ um 22:00 Uhr. Denn auch morgen ist wieder Grosses geplant!

 

Praktisches

Anreise nach Filzbach (Talstation Sessellift)

Länge: 13 km

Reine Wanderzeit: Filzbach–Murgsee: 6.5 Stunden

Anforderung: mittel (Bergwanderweg)

Kondition: schwer

Verflegung: mitgebrachtes Picknick, reichlich Wasser mitbringen!






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