Monte Lema – Monte Tamaro: Sentiero in Cresta Tessiner-Art


Die «Traversata» von Monte Lema nach Monte Tamaro über die Bergrücken des Malcantones gilt als Klassiker Schweizer Gratwanderungen und bietet eine atemberaubende Weitsicht über das gesamte Tessin bis nach Italien und den Berner-, Bündner- und Walliser Alpen.


Der Monte Lema ist die letzte signifikante Erhebung der südlichsten Ausläufer der Voralpenkette, die von Monte Tamaro in Richtung Tal der Tresa verlaufen und das Tessin von der italienischen Lombardei trennen. Mit seinen 1’625 Höhenmetern zählt er auf dem Papier zwar keineswegs zu den Berggrössen, dennoch offenbart er eines der spektakulärsten Panoramen der Schweiz.

Wir wollen dieses aus erster Hand bestaunen und haben uns deshalb für die «Traversata», die Überquerung des sonnigen Bergrückens zum Monte Tamaro, entschieden. In knapp sechs Stunden werden wir somit etwa 13 Kilometer und 482 Höhenmeter überwinden und dabei den Blick immer wieder fasziniert in die Ferne schweifen lassen.

Erste Höhenflüge 

Wir sind zu fünft und allesamt Neulinge der heutigen Gratwanderung. Giacomo, der in den Wintermonaten als Skilehrer tätig ist und dazwischen an der Mittelstation von Tamaro den Abenteuerpark betreut, ist unserer heutiger Guide und hat von Wanderkarten, über Tickets bis zum Gipfelwein alles im Vorfeld organisiert. Von der Talstation Tamaro in Rivera kutschiert uns der Shuttlebus in etwa einer halben Stunde nach Miglieglia, wo bereits die Gondeln zur Fahrt auf den Monte Lema bereit stehen.

Jede halbe Stunde befördern die Dreier-Kabinen bis zu 45 Personen zum Gipfel. Selbst an einem Sonnentag wie heute, allemal ausreichend. Wir schweben in nur 10 Minuten über Kastanien-, Eichenwälder und Farnhaine auf 800 Höhenmeter und beginnen oben den Tag so wie jeder anfangen sollte: mit einer Tasse italienischem Kaffee.

Auf der Sonnenterrasse des neu renovierten Selbst-bedienungsrestaurants «Ostello Vetta» blicken wir zum ersten Mal in die Tiefe. Zu unseren Füssen schlummern die südlichen Täler des Tessins und schimmern Luganer-See und Lago Maggiore. Der Horizont reicht bis zur flachen Po-Ebene und – auf gegenüberliegender Seite bis zu den Bündner-, Berner- und Walliser Alpen. Es ist, als wären wir am Dach der Schweiz.

Gipfelwein für Gipfelstürmer 

Müssten wir uns anderswo irgendwann von dieser Aussicht trennen, so bleibt sie auf dem «Sentiero in Cresta» unser stetiger Begleiter. Über 80 Kilometer Wanderwege erschliessen die Bergregion und durchziehen die grasbewachsene Bergkette in alle Himmelsrichtungen. Wir folgen dem Kammverlauf in Richtung Monte Gradiccioli/Alpe Foppa in gemütlichem Auf und Ab, bis wir nach etwa eineinhalb Stunden am Fusse des Aufstiegs zum Monte Gradiccioli, die erste von zwei Selbstbedienungshütten am Passo d’Agario erreichen.

Im mehr als willkommenen Schatten packt Giacomo unsere unseren Proviant aus: Frisches Brot, Dips, Käse, Salami – und lässt schon frühzeitig die Korken knallen. Genüsslich stossen wir auf unsere ersten Wanderkilometer an, beglückwünschen uns gegenseitig zur tollen Aussicht und planen hochmotiviert die restliche Route.

Wäre es auch ein leichtes, den Monte Gradiccioli links zu umgehen, entscheiden wir uns zum Gipfelsturm. Giacomos Schwester Valentina, eine begnadete Volleyball-Spielerin, gibt mit ihren strammen Beinen ein ordentliches Tempo vor. Kann ihr Bruder noch gut mithalten, so schalten die weniger Sportlichen von uns einen Gang zurück und legen gelegentlich kurze Pausen und zusätzliche Fotostopps ein.

Auf 1’936 Höhenmetern wird unsere Anstrengung belohnt. Immer weitläufiger, grossartiger wird die Aussicht rundum, die sich uns darbietet. Täler, Städte, Dörfer, Seen und Berge; wie von einem Landschaftsmaler kunstvoll in Szene gesetzt.

Krönende Abschlüsse 

Nach einer gebührenden Rast am Gipfelkreuz zieht es uns weiter. So steil der Pfad vorher noch angestiegen war, so senkrecht fallen die Wege nun zur Bassa di Montoia ab, wo einige Esel vor der nächsten Selbstbedienungshütte flanieren. Sie blicken uns neugierig nach, als wir – mit Wasser und Apfelschorle gestärkt – den schönen Wiesengratweg zum Fusse des Monte Tamaros in Angriff nehmen. Hier lassen wir nun den Gipfelweg links liegen und wählen die gemütlichere Route entlang der Flanke zu unserem letzten Etappenhöhepunkt: Die auf 1’867 Höhenmetern gelegene Capanna Tamaro, eine bewirtschaftete Hütte mit Aussichtsterrasse.

Die schöne Leventina vor Augen, beginnt nun der Abstieg zur Bergstation der Seilbahn Rivera-Alpe Foppa, wo uns fröhliches Treiben empfängt. Die Alpe ist nicht nur aufgrund des Erlebnisangebotes von Sommerrodelbahn, Adventure Park, Tyrolienne, Jumping sowie Spielplatz und Restaurant besonders beliebt; viele Gäste kommen auch eigens hierher, um die Kirche San Maria degli Angeli zu bestaunen. Dieser vom Tessiner Star-architekten Mario Botta entworfene Sakralbau aus Beton und Porphyr ist wahrlich einen Besuch wert und ragt erstaunlich nahe am Abgrund.

Ein 65 Meter langer begehbarer Viadukt führt zur zylindrisch angeordneten Kapelle am Ende des Gebäudes aus grossen Granitsteinblöcken und endet mit einem Aussichtspunkt, der als Aufhängung der Kirchenglocke dient. Links und rechts führen Treppen zum Eingang der Kapelle hinab und erinnern an ein Amphitheater.

Mit diesem – von menschlicher Hand geschaffenen Grat – wandeln wir heute ein letztes Mal über dem Abgrund, blicken zum Abschied noch einmal in die Tiefe, ehe wir uns, schweren Herzens, von der Seilbahn zurück nach Rivera tragen lassen. Begeistert erzählen wir dort allen von unserer «Traversata» und ernten ein wissendes Kopfnicken: Denn nicht von ungefähr gilt doch dieser Höhenweg als Klassiker Schweizer Gratwanderungen. Jetzt wissen auch wir, warum!

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Was unternehmen?

PRAKTISCHES: Höhenweg Monte Lema nach Monte Tamaro 

Talstation Monte Tamaro – Shuttelbus – Talstation Monte Lema – Gondel – Bergstation Monte Lema – Passo d’Agario – Monte Gradiccioli – Bassa di Montoia – Monte Tamaro – Capanna Tamaro – Alpe Foppa – Talstation Monte Tamaro 

Länge: 13 km 

Wanderzeit: 5.5 Stunden 

Höhenmeter: + 482 Meter 

Anforderung Technik/Schwierigkeit: mittel, Schwindelfreiheit vorausgesetzt 

Anforderung Kondition: mittel (T2) 

Information: www.montetamaro.chwww.ticino.ch, www.montelema.ch 

RailAway-Kombi-Angebot 

20% Ermässigung auf die ÖV-Fahrt: Hinfahrt mit Zug nach Rivera-Bironico und Rückfahrt mit Postauto/Zug ab Miglieglia via Lamone- Cadempino 

Ermässigte Fahrt mit der Gondelbahn Alpe Foppa sowie der Luftseilbahn Monte Lema– Miglieglia 

Angebot gültig bis 6. November 2016 

www.sbb.ch/montetamaro

Text: Carina Scheuringer
Fotos: Carina Scheuringer






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