Lausanne – Die Nacht ruft


Die Brücke Charles-Bessières spannt den Bogen zur symbolische Mitte von Lausanne: Der über siebenhundert Jahre alten protestantischen Kathedrale Notre-Dame. Unübersehbar thront das vorwiegend gotische Wahrzeichen der Stadt auf einem Hügel über den verwinkelten Gassen der Altstadt. Es ist das grösste Gotteshaus der Schweiz und Schauplatz einer Tradition, die es anderswo schon lange nicht mehr gibt.


Zuerst kommt Maria Magdalena. Zehn Mal bimmelt die sechseinhalb Tonnen schwere Glocke so dröhnend, dass alles vibriert. Wenn sie zum letzten Schlag ansetzt, packt Laurent Chevalley seinen schwarzen Hut und macht sich bereit. Denn ist das Läuten Maria Magdalenas verstummt, so ist es Zeit für ihn, das Wort zu ergreifen. 75 Meter und 153 Treppenstufen über dem Boden, tritt der Nachtwächter sodann aus seiner kleinen hölzernen Kammer im Glockenturm der Kathedrale und ruft in alle vier Himmelsrichtungen über den Dächern seiner Stadt die volle Stunde aus. Fünf Mal pro Nacht. Jeweils zwischen zehn Uhr abends und zwei Uhr morgens.

«C’est le guet. Il a sonné dix! Il a sonné dix!», hallt es durch die dunkle Nacht. Das französische Pendant zum Deutschen «Hört, ihr Leut’ und lasst euch sagen, die Uhr, die hat jetzt zehn geschlagen!»

Über 600 Jahre alt ist die Tradition, die Chevalley mit seinem lautstarken Rufen weiterzuführen hilft. Der gebürtige Lausanner ist einer von fünf Ersatznachtwächtern, die den gegenwärtigen Amtsinhaber Renato Häusler bei seiner prestige-trächtigen Rolle unterstützen. In seinem anderen Leben arbeitet er an der Universität EPFL; Häusler ist Teilzeit-Sportlehrer bei einer sozialen Institution.

Aus Liebe bewahrt 

Dass es in Lausanne heute noch Nachtwächter gibt, verdanken die Lausanner keinem anderen als sich selbst. Denn enthoben die technische Fortschritte die «Guets» bereits vor 150 Jahren ihrer ursprünglichen Funktion als Zeitansager, Feuermelder und Gesetzeshüter, so war es für die Lausanner dennoch undenkbar, ihre Nachtwächter vom Turm zu holen. Einen Monat lang wurde die lokale Presse mit Briefen bombardiert, als in den 1960er Jahren die Abschaffung des Postens zur Debatte stand, bis dieses Vorhaben schlussendlich wieder verworfen wurde.

Chevalley sieht seinen Posten als «Ehre.» Er liebt «die Stille und das sich immer wechselnde Panorama» und ist «stolz», das kulturelle Erbe seiner Stadt mittragen zu dürfen. Wie wertvoll dieses Erbe tatsächlich ist, lässt er uns aus erster Hand erfahren. Nachdem wir seinen zehn Uhr Auftritt zunächst als Zuschauer begleitet haben, dürfen auch wir um elf Uhr lautstark mitrufen. Ein ganz spezielles Erlebnis, dessen Erinnerung uns wohl noch für lange Zeit ein Lächeln ins Gesicht zaubern wird.

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Was unternehmen?

Cathédrale de Lausanne

Place de la Cathédrale

1005 Lausanne

www.cathedrale-lausanne.ch 

Besuch beim Nachtwächter auf Anfrage und mit Voranmeldung.

www.lausanne-tourisme.ch

Text: Carina Scheuringer
Fotos: Carina Scheuringer






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