Jura: Im Land der Freiberger – Das Königreich der Pferde


Die Hochebene der Freiberge im Kanton Jura ist nicht nur die Wiege der Schweizer Pferderasse Freiberger; sie ist ein Ort der Weite – einer unendlichen, allesumfassenden Weite – in der Mensch und Tier mit Hufen oder Kufen gemeinsam Horizonte jagen können.

Auch wenn der Frühling bereits in der Luft liegt, schüttelt Frau Holle nochmals kräftig ihre Betten aus. Unaufhörlich tanzen flauschige Schneeflocken vom Himmel. Fichten biegen sich ächzend unter ihrer schweren Last, während ich durch die knietiefe weisse Pracht zum Hof von Gaby Rais stapfe. Dieser lächelt mir freundlich zur Begrüssung zu. Mit seinem Schnauzbart sieht er neben seinen zwei imposanten, walnussfarbenen Rössern aus wie ein Held aus dem Wilden Westen.


Hinter Gaby steht eine hölzerne Kutsche bereit – nicht etwa ein Gefährt, wie ich es aus betuchten Touristen-Resorts kenne, sondern ein Original. Einst wurde genau diese Kutsche für den Transport von Baumstämmen verwendet, heute ist sie jedoch speziell für uns mit roten Decken und Sitzkissen ausgestattet. Wir klettern auf den Wagen; Gaby lockert die Zügel und schon geht es ab in das Königreich der Pferde.

 

Wiege der Freiberger

Die Freiberge sind die Heimat der gleichnamigen Schweizer Pferderasse und des berühmten Marché-Concours ‘Pferdemarkt’ in Saignelégier. Auf leisen Kufen wird uns die Schönheit und Erhabenheit der malerischen Landschaft des Juras erst bewusst. Natur, so weit das Auge reicht. Jenseits der Bauernhöfe verliert sich die Hochebene im Horizont. Ein Langläufer zieht einsam seine Spur, ansonsten ist weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Eine friedliche Stille liegt über dem Land.

Das ist jedoch zur warmen Jahreszeit ganz anders, versichert Gaby. Da werden die Pfade und Wege, ein Reitwege-Netz der’Association pour le Réseau Equestre des Franches-Montagnes’ (AREF), die die Freiberge auf 250 Kilometer queren, von bis zu 7’000 Reitern frequentiert. Um Pferdelängen voraus «Trottez, trot, trot, trot», spornt Gaby seine Freiberger mit sanfter Stimme an. Die 15-jährige Miranda und der 5-jährige Cacao traben im Gleichschritt. Cacao wurde kürzlich nach Deutschland verkauft und soll nächste Woche seine Reise in Richtung Norden antreten. Der stattliche Hengst scheint mit diesen Zukunftsaussichten zufrieden zu sein. Mit gespitzten Ohren läuft er neben Miranda einher.

«Sie arbeiten gerne», versichert Gaby. Auf seinem Hof «Les Cufattes» nahe Saignelégier züchtet der 60-Jährige mit seinen Freibergern die einzige Schweizer Pferderasse und setzt damit eine lange Familientradition fort. «Früher setzten wir die Tiere in der Landwirtschaft ein, bis wir uns 1974 den ersten Traktor leisten konnten», erinnert er sich. Heute sind 80 Prozent der von Gaby verkauften Pferde für den Reitsport bestimmt. Und für den Reitsport sind die Freiberger ideal, erklärt er, denn sie seien besonders sanftmütig und gehorsam. Tatsächlich befolgen Miranda und Cacao jede Anweisung des Kutschers.

 

Pferde hinter den Wagen gespannt

Während der Fahrt fällt von den Bäumen immer wieder Schnee in meinen Nacken. «Ist dir auch warm genug?», fragt Gaby etwas besorgt und ich versichere ihm, dass ich vor Aufregung ganz vergessen habe, wie kalt es doch ist. Trotzdem versucht Gaby mit dem Erzählen von Geschichten den Sommer frühzeitig heraufzubeschwören. Kichernd berichtet er von den Schelmereien, mit denen er und sein Team die Region dann in Trab halten. «Wir spielen zum Beispiel Wilder Westen. Zum Spass halten wir dann, verkleidet als Cowboys, die Dampflok an, die durch die Gegend tuckert», verrät er. «Wir nehmen eine ‘Geisel’, die wir auf dem Rücken eines unserer Pferde entführen und dann an einen Baum binden, bis das geforderte Lösegeld entrichtet wird!»

 

Sachte mit den jungen Pferden

«Ich habe grosses Glück, hier leben und mit der einheimischen Pferderasse arbeiten zu dürfen», verkündet der Züchter, in dessen Obhut sich derzeit 25 Pferde befinden. «Mir gefällt der Kontakt mit den Tieren und Menschen. Jedes meiner Tiere hat einen eigenen Charakter.»

Wie so manchem seiner Rösser der Ruf vorauseilt, ist auch Gaby in der ganzen Region bekannt. Als wir an einem kleinen Bauernhof vorbei kutschieren, öffnen sich plötzlich die Tore. «Gaby», ertönt es, «Willst du Kaffee?»«Lieber einen Apéro», antwortet Gaby neckisch. «Dafür ist es noch viel zu früh! Wir sind doch erst beim Frühstück!» Gaby kichert in seinen Schnauzbart, während der Wagen gemächlich weiter rollt. Viel zu schnell und ohne es tatsächlich wahrzunehmen, haben wir plötzlich «Les Cufattes» erreicht. Mit zitternden Flanken und schweissbedecktem Fell halten die beiden Pferde an. Diesen Strapazen zum Trotz scheinen auch sie sich amüsiert zu haben. «Im Sommer musst du wieder kommen und sie reiten», schlägt Gaby vor und hat somit meinen geheimen Wunsch erraten.

 

Bund fürs Leben

Glückliche Rösser gibt es nicht nur auf Höfen wie den von Gaby. Im Königreich der Pferde gibt es auch einen Platz für Pferde, die nicht mehr arbeiten können, jedoch ihr Gnadenbrot redlich verdient haben. Und damit meine ich nicht etwa den Schlachthof! Traurig über die Tatsache, dass Pferde nach dem Zweiten Weltkrieg in Massen geschlachtet wurden, weil sie mit dem Einsatz von Traktoren und Lastwägen überflüssig geworden waren, rief der Schriftsteller und Pferdeliebhaber Hans Schwarz im Jahre 1958 die «Stiftung für das Pferd» ins Leben. Er erwarb das grosszügige Anwesen «Le Roselet» und gestaltete dieses in das allererste Seniorenheim für Pferde um. Zwei weitere folgten, gleichfalls im Jura: Maison Rouge und Le Jeanbrenin.

Heute befinden sich insgesamt 170 Tiere, Pferde, Ponys und Esel, in der fürsorglichen Obhut von 13 Pflegern. Einige waren Zuchttiere, andere wiederum Reit- oder Rennpferde. In «Le Roselet» vereint bieten sie nun ein friedliches Bild, grasend inmitten weiter, grüner Wiesen. «Unsere Aufgabe ist es, den Tieren ihren Lebensabend so angenehm wie möglich zu gestalten –mit viel frischer Luft, Ruhe und ohne Aufregungen», erklärt Regina, die seit 2009 in «Le Roselet» arbeitet. «So zeigen die Besitzer ihre Dankbarkeit für die vielen Jahre der Freude, die ihnen ihre Tiere bereitet haben.»

Dass die Eigentümer bei Übergabe das Besitztum überschreiben müssen, geht oft mit vielen Tränen einher. Zumeist bedeutet dieser Schritt Abschied zu nehmen, auch wenn sie sich, bis zum Ableben ihres Tieres, monatlich mit CHF 200 zur Erhaltung des Altersheimes beteiligen müssen. Diese Summe ist nominell, weiss Regina. Der Grossteil der effektiven Erhaltungskosten wird durch Spendengelder, dem Verkauf von Souvenirs und der Patenschaften von Pferden substituiert.

«Patenschaften sind sehr beliebt», bestätigt Regina. «Wer ein bestimmtes Tier besonders ins Herz geschlossen hat, kann eine Patenschaft übernehmen und bekommt dann zwei Mal im Jahr eine Nachricht über das Befinden seines Schützlings. Auch ein persönlicher Besuch ist immer willkommen.

 

Eine Entscheidung fürs Leben

«Le Roselet» ist ein beliebtes Tagesausflugsziel und zieht pro Jahr rund 80’000 Besucher an. Schon als Kind besuchte Regina das Altersheim oft mit ihren Grosseltern und ersteigerte stets die ‘Kleinen Pferdegeschichten’, die jedes Jahr neu publiziert wurden. «Die meisten dieser Geschichten habe ich immer noch», verrät sie.

Der pädagogische Aspekt ist eine wichtige Aufgabe der Stiftung. «Wir möchten Kindern vermitteln, dass Pferde keine Spielzeuge sind», erklärt Regina, die seit dem fünften Lebensjahr reitet. «Es ist wichtig, dass sie verstehen lernen, dass dieses Tier bis zu 25 Jahre und noch älter werden kann. Nehmen wir Iltschi als Bespiel. Er kam im Alter von 21 Jahren zu uns und ist mittlerweile 40!»

Als stolze Besitzerin von 16 Pferden weiss Regina nur allzu gut, dass eine artgerechte Tierhaltung mit viel Arbeit verbunden ist. «Es ist eine Passion, eine Lebensart. Vieles muss mit sehr wenig erreicht werden, wenn man Pferde halten möchte, doch ist die Beziehung, die man mit Pferden aufbaut, unvergleichlich.

Als wir am Weidenrand stehen und die Tiere beobachten, frage ich mich, ob Regina ihre Arbeit in «Le Roselet» als traurig empfindet. «Die Tiere verlassen uns nicht lebend», sagt sie nachdenklich. «Natürlich ist das traurig. Doch ist hier das Altersheim für Pferde und das Ableben gehört eben dazu. Aber so gesehen schenken wir diesen treuen Vierbeinern noch viele Lebensjahre in Freiheit.»

Gleichzeitig dreht sich in «Le Roselet» das Leben auch nicht nur um das Altern und den Tod. «Jedes Jahr erblicken ein oder zwei Fohlen aus unserer Zucht das Licht der Welt. Wenn sich die Kleinen im Frühjahr ankündigen, sind wir alle aufgeregt», schmunzelt Regina. «Das gibt uns Kraft und Motivation.» Die Fohlen werden später kostenlos einem Zentrum übergeben, das Reittherapien für Menschen mit Behinderungen anbietet.

Ich werfe einen letzten Blick auf die müden Könige und Königinnen dieses Reiches und kehre dann ins ‘Le Relais du Roselet’, dem Restaurant der Stiftung, zum Mittagessen ein. Dort verweile ich nachdenklich und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Auch ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als Pferden wie Cacao und Miranda, die heute morgen so einträchtig unsere Kutsche gezogen haben, für die Liebe und Freundschaft zu danken, die sie uns jeden Tag schenken, bis sie es eines Tages nicht mehr können.

 

Ferme de la Famille Rais

Les Cufattes 81

2360 Le Bémont JU

+41 (0)32 951 1561

www.lescufattes.ch

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Wo schlafen?

Jura ist einer der Orte, bei dem der Horizont wahrlich endlos erscheint und man noch inmitten unberührter Natur friedlich grasenden Tieren begegnen kann. In dieser einzigartigen Naturlandschaft öffnen einige Bauern ihre Türen und ermöglichen Gästen so ein naturnahes Erleben ihrer Welt. Besucher können im Stroh schlafen, Bienenzüchtern oder Käsemachern über die Schulter blicken und den Alltag am Bauernhof kennenlernen. Mit viel Herzblut und Mühe hat die ‘Fondation Rurale Interjurassienne’ eine Auflistung sowie praktische Tipps zusammengestellt.

Information: www.terroir-juraregion.ch

 

Die mehrtägigen Wanderungen ‘Les chemins du bio’ entführen Besucher mitten in die Herzen der Naturlandschaften im Jura und erlauben eindrückliche Begegnungen mit Menschen, die das Land bearbeiten und hier auch leben. Paketangebote: ab CHF 190 für zwei Personen für zwei Tage inklusive Besuch auf einem Bio-Bauernhof, schlafen am Bauernhof mit Vollpension sowie Reiseführer.

Information: www.lescheminsdubio.ch

Was unternehmen?

Pony-Reiten, Pferdewagen und Pferde-Schlittenfahrten

Stiftung für das Pferd

Le Roselet

2345 Les Breuleux

+41 (0)32 959 18 90

www.philippos.ch

 

Öffnungszeiten:

7:00 – 19:00 täglich

 

Kindernachmittage, geführte Touren, Touren für Kinder, Patenschaft von Pferden

Information: www.juratourisme.ch

Gratis durch den Jura Reisen! Ab einer Übernachtung innerhalb des Vagabond-Tarifverbundes erhalten Sie für die Zeit Ihres Aufenthaltes eine Gratisfahrkarte für diese Region.

Information: www.juratourisme.ch

Text: Emily Mawson
Fotos: Tim Williams & République et Canton du Jura/Jura Tourisme






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