Glarus – Das Geheimnis des Glarnerlandes


Berge trennen Völker, sagt man. Flüsse verbinden sie. Das schmale Tal der Linth ist nur Richtung Norden geöffnet. Doch das ist ausreichend, denn die Glarner begegnen der Enge ihrer schönen Bergwelt mit einem weiten und findigen Geist. Das kann man nirgends besser erleben als im scheinbar wohlbehütetsten Geheimnis des Glarnerlandes: dem Kantonshauptort Glarus.


Tief eingebettet zwischen hochalpinen Gebirgszügen zweigt kurz vor dem Walensee eines der steilsten Alpentäler in Richtung Süden ab. Links und rechts stehen Giganten Spalier. Weit über 2’000 Meter ragen sie steil aus dem Boden, tragen klingende Namen wie Fronalp, Wiggis oder Glärnisch. Schweigend säumen sie den Weg zur «kleinsten Hauptstadt der Schweiz.»

Stadt mit Charakter 

Viele Reisende kennen Glarus nur von der Durchfahrt. Unterwegs zu den Glarner Ferienorten Braunwald oder Elm passieren sie die ortstypischen Häuserreihen, welche das Zentrum des gleichnamigen Kantons gegen aussen hin abzuschirmen scheinen und ahnen wohl kaum, dass sich dort, wo man es vielleicht am wenigsten vermutet, ein absoluter Geheimtipp verbirgt.

12’000 Menschen leben in der Gemeinde Glarus. 6’000 davon in der geografischen Mitte des Glarnerlandes, der Stadt selbst, wie Stadtführer Kaspar Marti den Kantonshauptort bezeichnet und damit einer Einstellung Ausdruck verleiht. Denn mag Glarus auch im Kranz der Berge liegen und genau genommen zu klein sein, um offiziell als Stadt zu gelten, so ist es doch alles andere als ländlich.

Das Ortsbild ist nicht etwa von verwinkelten Gässchen und traditionellen Holzbauten mit Schindeldächern geprägt, sondern sozusagen mehr New York als Alpenkanton. Denn nach einem verheerenden Brand, der vor 150 Jahren das gesamte Zentrum zerstörte, wurde Glarus nach amerikanischem Vorbild neu aufgebaut: Im Schachbrettmuster mit breiten Strassen, langen Häuserzeilen und stattlichen Gebäuden.

Ein Ort mit Kultur 

Marti weiss auf seinem Rundgang die Perlen aufzuzeigen, von denen es in Glarus unerwartet viele gibt. Er beginnt mit dem Kunsthaus, einem schlichten Bau aus Backstein und Glas, der unter Kennern als Tipp in Sachen zeitgenössischer Kunst und als Sprungbrett für junge Talente gilt. Namhafte Schweizer Künstler stellten hier aus, ehe sie ins Rampenlicht der Welt traten. Darunter zum Beispiel Ugo Rondinone, Urs Fischer und Raphael Hefti.

Bernerin Judith Welter eine zukunfts-orientierte, junge Kunsthistorikerin und Kuratorin das Zepter. Ihre aktuelle Ausstellung «Unruly Relations» setzt sich mit der Ambivalenz von Freundschaft als soziale Konstruktion sowie als Teil künstlerischer Praktiken auseinander und trifft damit nicht nur den Geist der Zeit.

«Zeitgenössische Kunst passt zu Glarus,» bestätigt Marti. Er weiss: Die Glarner stehen mit beiden Füssen in der Gegenwart und blicken lieber voraus als zurück. Legendär ist der Glarner Pioniergeist, der die Stadt bis heute prägt und der – wie der älteste Glarner, der Föhn – stets frischen Wind ins Alpental bringt.

Pioniere aus Tradition

Im 19. Jahrhundert bescherte eben dieser Pioniergeist dem Kanton das Wirtschaftswunder, mit dem er in die Geschichte einging. So war das Glarnerland ein Vorreiter der Industrialisierung – im speziellen der kunstvollen Textilindustrie; eine Tatsache, die der Linthaler Pfarrer Bernhard Becker den Bergen zuschrieb, «die uns zwischen ihnen keinen Raum lassen, dass wir unser Brod pflanzen könnten. Wir mussten Kunstprodukte machen und von anderen Orten her das Brod uns geben lassen.»

Altehrwürdige Fabrikantenvillen, Handelshäuser, schmucke Arbeitersiedlungen und ehemalige Produktionsstätten zeugen von der Blütezeit der Glarner Textilindustrie, deren Symbol das weltberühmte «Glarner Tüechli» ist. Dazu gehört das Fabrik-Ensemble der Firma Daniel Jenny & Co mit seinem Fabrikladen «Baumwollblüte» und dem Hänggiturm mit den Räumlichkeiten des künftigen Anna Göldi Museums. Es ist eine von 80 Stationen des «Industrieweges», der als Velo- oder Wanderweg 50 km entlang der Linth und des Sernf führt und Einblicke in die Geschichte des Industriestandortes gewährt.

Heute werden etwa 42 Prozent der Arbeitsplätze der Industrie zugeschrieben. Zu den Aushänge-schildern von Glarus zählen die 100-jährige Möbelfabrik Horgenglarus, die Confiseur Läderach AG und die Geska AG, welche mit dem Glarner Schabziger das älteste Markenprodukt der Schweiz herstellt.

Movers und Shakers 

In spezieller Übergrösse ist Schabziger im Laden von Sepp Gössi erhältlich. Die Milchzentrale an der Gerichtshausstrasse ist bekannt für Glarner Spezialitäten, Käsevariationen, selbst gemachte Glace und den unerschöpflichen Ideenreichtum des gebürtigen Schwyzers, der erst kürzlich das Ladenuntergeschoss in einen Veranstaltungsraum verwandelte und dort nun Wein-Degustationen und Raclette-Abende anbietet. Gössi zählt zu den modernen Machern von Glarus, die den Pioniergeist fortsetzen und der Stadt neue Impulse geben.

Sein Pendant in Sachen Verlagswesen und Bücher ist Gaby Ferndriger, Geschäftsführerin der traditionsreichen Familienbuchhandlung Baeschlin. 150 Jahre nach der Firmengründung setzt die Glarnerin immer wieder markante Schritte für die Zukunft und belebt ihre Heimatstadt mit ausser-gewöhnlichen Publikationen und Angeboten, wie die Erlebnisnacht «Einschliessen und Geniessen» oder den duftenden Bestseller «Der stinkende Geissbock».

Einige Türen weiter sorgen Martin Huber und Jonny Tinner, die Inhaber der Kaffeebar und der Touristinfo Glarussell, für musikalische Highlights. Sie sind verantwortlich für das Stadtopenair «Sound of Glarus» und begleiten Veranstaltungsreihen wie «Sommer in der Stadt», «Sommerbühne» oder «Gleis 1» und hoffen dadurch, Menschen aus dem ganzen Land anzulocken.

Zukunftsträchtiges Glarus 

Längst im Inventar der sehenswertesten nationalen Veranstaltungen verankert, ist indessen die Glarner Landsgemeinde. Einmal pro Jahr, jeweils am ersten Sonntag im Mai, verwandelt sich der Zaunplatz im Herzen der Stadt zur imposanten Schaubühne. Wie schon Generationen zuvor drängen sich dann Tausende Stimmbürger Schulter an Schulter im Ring, um Demokratie in ihrer ursprünglichen Form walten zu lassen und gemeinsam politische Entscheidungen zu fällen. Dass diese Beschlüsse oft bahnbrechend sind, entspricht dem Glarner Pioniergeist. Und so wird Glarus wohl auch in Zukunft immer wieder neue Wege gehen und seine Geschichte als Glarner Geheimtipp fortführen. Hoffentlich bleibt es dabei jedoch nicht das wohlbehütetste Geheimnis des Kantons. Denn das wäre nämlich «jammerschade», findet Marti und wir stimmen mit ihm überein.

 

SPOT INSIDER-TIPPS

1

Glarner Wein: Am Bürglirain, wo sich der Sage nach Felix und Regula aufhielten, befindet sich einer der drei Glarner Weinberge. Allein hier fallen jährlich 1’200 Flaschen Wein an.

2

Modellhaftes Glarus: In der reformierten Stadtkriche kann man ein Modell des alten Glarus bestaunen; im Rathaus mittels eines Hightech-Modells die Topografie und Geografie des gesamten Kantons kennenlernen.

3

Industriespionage: Spezielle Rundgänge erlauben es Interessierten, hinter die Kulissen modernen Glarner Unternehmen zu blicken.

4

Sonntagsprogramm: Auch die Glarner zieht es ins Grüne! Zu den Naherho-lungsgebieten zählen der traumhafte Klöntalersee, das UNESCO-Welterbe Tektonikarena Sardona auf Aeugsten und der Weg entlang von Trockenmauer und Magerwiese in Ennenda sowie die Waldwirtschaft Uschenriet. 

5

Ausgehen in Glarus: Konzerte und Veranstaltungen in familiärer Athmosphäre im Kulturzentrum Holästei (holaestei.ch, veka-glarus.ch, club-glarus.com).  Apéro in der Freulerbar

 

 

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Was unternehmen?

Information 

Glarussell 

Bahnofstrasse 23 

8750 Glarus 

+41 (0)55 650 23 23 

www.glarusell.ch 

www.glarusservice.ch 

www.gemeinde.glarus.ch

www.glarnerland.ch 

 

Highlights 

Kunsthaus Glarus: 

www.kunsthausglarus.ch 

Glarner Industrieweg: 

www.glarner-industrieweg.ch 

Industriespionage: 

www.industriespionage.ch 

Daniel Jenny & Co: 

www.swissfabrics.ch 

Geska AG:

www.schabziger.ch 

Confiseur Läderach AG: 

www.laederach.ch 

Horgenglarus: 

www.horgenglarus.ch 

Milchzentrale: 

www.goessi-glarus.ch 

Baeschlin Bücher: 

www.buch.gl 

Sound of Glarus: 

www.soundofglarus.ch 

Glarner Landsgemeinde: 

www.landsgemeinde.gl.ch

Text: Carina Scheuringer 
Fotos: Carina Scheuringer & zVg, Samuel Trümpy 






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