Gemmi: Wege mit Geschichte


Gemeinsam mit den Pässen Grimsel, Lötschen, Rawil und Sanetsch gehört die Gemmi zu den historischen Übergängen der nördlichen Alpenkette, welche die Einzugsgebiete der Aare und Saane von jenen der Rhone trennt. War sie einst der meist begangene Pass der Alpen, so gilt die Gemmi heute als «Klassiker der Schweizer Wanderklassiker.» 


In Eggenschwand – am südlichen Ende von Kandersteg – entschweben wir unserer Welt. Wie schwerelos gleiten wir über die spektakulär in den Fels konstruierten Zickzack-Wege. Sie sind die ersten Zeugen der langen Geschichte der historischen Nord-Südachse zwischen Kandersteg und Leukerbad. Von hier aus sollen nicht nur die Kelten und Römer, sondern auch die Alemannen ins Rhonetal gelangt sein; die Vorfahren der heutigen deutschsprachigen Walliser. Die Gemmi ist ein Ort, an dem seit Jahrhunderten Berg-Geschichte und -Geschichten geschrieben werden.

Viele dieser interessanten Geschichten kennt mein Weggefährte Fritz Loretan; ist doch seine eigene eng mit dem Pass verbunden. Über den Säumerweg ge-langte sein Vater einst nach Kandersteg, wo er sich in eine Einheimische verliebte und hängenblieb. Ist Fritz zwar gebürtiger Berner, so fliesst auch Walliser Blut durch seine Adern. Vielleicht zieht es ihn deswegen immer wieder zum Treffpunkt der Kantone.

Mehr als vierzig Jahre war Fritz Hüttenwart und Bergführer. Jetzt, in Pension, ist er regelmässig mit Hündin Luna auf der Gemmi unterwegs und leitet, so wie heute, noch vereinzelt geführte Touren. «Hier ist es einfach unglaublich schön», schwärmt er, als wir kurz nach der Bergstation Sunnbüel den ersten Blick auf die weite, blumenübersäte Spittelmatte erhaschen, die sich nun, wie ein bunter Teppich, zu unseren Füssen erstreckt. Anderswo würde er nicht sein wollen.

Von Säumern und Sennen 

Inmitten dieses Blumenmeeres beginnen wir unsere etwa 13 Kilometer lange Rundwanderung zum Daubensee. Der breite Weg führt zuerst abfallend, dann beinahe flach am Fusse des Ueschinengrats entlang und eröffnet imposante Aussichten auf die abschüssigen Flanken von Altels und Rinderhorn. Schon auf den ersten Kilometern zeigt die Gemmi ihre unterschiedlichen Facetten: Schroffe Felswände treffen auf sanfte Alpen, gleissende Firnflanken auf verträumte Wälder und gewaltige Wasserfälle auf friedliche Seen. Schon bald präsentieren sich auch die ersten Kuriositäten am Wegrand.

Bei der Alp halten wir kurz inne. Hier, wo heute Pächter aus Luzern Milchwirtschaft betreiben und Alpkäse anbieten, wird das Land von Walliser Seite aus bestossen, obwohl es sich eigentlich auf Berner Boden befindet. Die Geschichte besagt, so weiss Fritz, dass die Hähne vor vielen Monden dieses Los besiegelten, als das Recht demjenigen zuge-sprochen wurde, der nach ihrem ersten Krähen von Leukerbad oder Kandersteg aus die Alpe zuerst erreichte. Ein leichtes Unterfangen für die Walliser, deren Hahn ein Frühaufsteher war.

Ursprünglich lag die Hütte im hinteren Teil der Spittelmatte nahe des Steins, der noch heute die Kantons-grenze markiert; wurde jedoch nach dem Unglück von 1895 an den jetzigen Ort verlegt. Damals lösten sich, ausgerechnet in der Nacht, ehe die Senner mit ihren Tieren den Alp-Abzug begehen wollten, an der Westflanke des Altels über 4,5 Millionen Kubikmeter Eis und donnerten mit einer so gewaltigen Wucht in das Tal, dass Mensch, Tier und Alp augenblicklich ausgelöscht wurden.

Heute fast unvorstellbar, wenn man durch den friedlichen Arvenwald und vorbei an den kristallklaren Seelis zur Unglücksstelle spaziert. Aber auch sonst war die Gemmi nicht immer ganz so unschuldig, wie sie sich an einem Bilderbuchtag wie heute darstellt. Einst war der Pass sozusagen der Wilde Westen der Berner Alpen. Damals tummelten sich im unwirtlichen Felsgelände, welches nun fortan unseren Weg begleitet, viele dunkle Gestalten – Gesetzlose und Plünderer – die nur darauf warteten, ganze Trosse aus dem Hinterhalt zu überfallen. Auf der Gemmi – das war bekannt – wurde geschmuggelt, gestohlen und so mancher Konflikt mit der Waffe gelöst.

Alpine Wanderschaften 

Trotz allem wurde die Gemmi stark frequentiert. Vor dem Aufkommen der Eisenbahn galt sie als einer der wichtigsten Pässe der nördlichen Alpkette, zumal zwischen Kandersteg und Leukerbad ein Übergang der Berner Berggiganten ohne allzu grosse technische Schwierigkeiten möglich war. Lag der ursprüngliche südliche Pass rund zwei Kilometer östlich und 400 Höhenmeter oberhalb der Gemmi-Passhöhe, so windet sich die spätere, mit Brücken, Mauern und Leitern begehbar gemachte Route durch die spektakuläre Gemmiwand und wird heute auch die Hochebene von beiden Seiten durch Luftseilbahnen erschlossen.

Schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam die touristische Wanderung auf der historischen Route in Mode. Für die ersten, oft gehschwachen Besucher wurden Maultiere zu Reittieren umfunk-tioniert, Tragsessel geschreinert und das sogenannte «Gemmiwägeli» (ein von einem Pferd gezogener Sessel) in Betrieb genommen und bis zum ersten Weltkrieg eingesetzt. Die 1742 erbaute Zollstation Schwarenbach entwickelte sich zu einem regelrechten Treffpunkt berühmter Persönlichkeiten, darunter, unter anderem, Jules Vernes, Mark Twain, Lenin und Pablo Picasso.

Fantastische Geschichten 

Eben dieses Berghotel erreichen wir auch heute nach einem kurzen Aufstieg durch raue Felslandschaften. Von seiner Bekanntheit – und seinem Charme – hat die historische Bleibe am Abgrund wenig eingebüsst. Heute führt die Familie Stoller-Wehrli den Betrieb bereits in zweiter Generation und bietet auf der gemütlichen Sonnenterrasse währschafte Küche und herzliche Gastfreundschaft.

Erholt man sich hier bei strahlend blauem Himmel von der ersten Etappe – erspäht in der Ferne vielleicht Bartgeier oder sogar Steinböcke – so ist es unfassbar, dass noch in den fünfziger Jahren der Bau einer Autobahn über die Gemmi zur Diskussion stand und somit dieses Juwel heute vielleicht gar nicht mehr existieren würde. Angesichts dieser erschaudernden Realität erzählt man sich hier lieber andere Grusel-Geschichten – so wie jene über das Verschwinden der Tochter des früheren Pächters oder den Wahnsinn und den Tod zweier Gesellen, die das Haus einst während eines langen Winters in völliger Einsamkeit hüten mussten. Allesamt tragen die Geschichten der Gemmi – wahr, halb-wahr oder gar erfunden – zur Mystik des Ortes bei und färben unseren heutigen Wandertag auf ganz spezielle Weise.

Neue Wege und alte Traditionen

Jahrhunderte nach ihrer ‘Entdeckung’ gilt die Gemmi heute als «Klassiker der Schweizer Wanderklassiker.» An warmen Sonnentagen ist hier wahrlich einiges los. Beim Schwarenbach sind die Sitzplätze mit Ausblick hochfrequentiert. Viele Besucher gönnen sich – so wie Fritz, Luna und ich – auf halber Strecke eine Rast im Schatten, ehe sie den weiteren Aufstieg über die Karstfelder zum Daubensee in Angriff nehmen. Auch wir begeben uns zu diesem glasklaren See auf 2’222 Höhenmetern und lassen darin Füsse und Seele ein Weilchen baumeln, während Luna mit vollem Genuss in das erfrischende Nass eintaucht. Jeweils am letzten Sonntag im Juli, so berichtet Fritz, findet hier das traditionelle Schäferfest statt. Eine Veranstaltung, die die Bergler vereinen und ihre Tiere präsentieren soll und die – in Erinnerung an die alte Feindschaft zwischen den Kantonen Bern und Wallis jeweils mit einem friedlichen Seilziehen endet.

Mit diesem idyllischen Bild vor Augen, treten wir den Rückweg an. Hier gebe es nun verschiedene Optionen. Über die Gemmiwand oder mittels Bahn könnten wir nach Leukerbad gelangen und dort die müden Glieder im natürlichen Thermalwasser entspannen. Doch entscheiden wir uns heute für die Rundtour und gönnen uns – zum krönenden Abschluss – ein Bad in den erfrischenden Arvenseelis auf der Spittelmatte. Die Gemmiwand heben wir uns für das nächste Mal auf, denn darf sich die Gemmi getrost noch einige ihrer Geschichten für einen späteren Besuch bewahren. Schliesslich planen Fritz, Luna und ich bereits eine weitere Wanderung.

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Was unternehmen?

PRAKTISCHES: Gemmi-Wanderung 

Wanderung: Kandersteg – Sunnbüehl – Spittelmatte – Arvenseeli – Schwarenbach – Daubensee und zurück 

Anreise: ab Kandersteg mit der Seilbahn 

Wanderzeit: ca. 5 Stunden (retour) 

Schwierigkeit: mittel 

Distanz: ca. 13 Kilometer (retour) 

Weitere Informationen 

www.leukerbad.ch

www.gemmi.ch

www.schwarenbach.ch 

www.sunnbuel.ch 

www.kandersteg.ch 

 

RailAway-Kombi-Angebot 

10% Ermässigung auf die Zugfahrt nach Kandersteg und zurück ab Leuk. 

10% Ermässigung auf die Busfahrt von Kandersteg nach Kandersteg, Talstation Sunnbüel und von Leukerbad nach Leuk. 10% Ermässigung auf die Luftseilbahnfahrten Kandersteg–Sunnbüel und Gemmipass–Leukerbad (oder umgekehrt). 

Angebot gültig bis 30. Oktober 2016 

www.sbb.ch/wanderung-gemmipass

SPOT TIPP: Leukerbad 

Erholen Sie sich nach der Wanderung über den Gemmi-Pass im grössten natürlichen Thermalbadeort der Alpen. Buchen Sie Ihre Unterkunft mit oder ohne privatem 

Thermalbad direkt hier: www.booking.leukerbad.ch 

Öffentliche Thermalbäder: 

Die Leukerbad Therme ist die grösste Thermalbadeanlage der Alpen. Die familiäre Oase verwöhnt mit insgesamt 10 verschiedenen Thermalquellenbecken inklusive Thermal-Kinderpool, Rutschbahnen, Unterwassermassagen, Jacuzzies, einer Saunaanlage, einem Fussparcours zum Kneippen sowie einem Sportbecken. 

In der Walliser Alpentherme & Spa laden neben einem Innen-und Aussen-Thermalbecken, ein Walliser Sauna-dorf sowie ein Römisch-Irisches Bad zur gepflegten Badekultur ein. 

Volksheilbad, das kleine familiäre Thermalbad mit Sauna, Dampfbad und einem breitem Wellness-Angebot. 

Weitere Informationen zu Aktivitäten in und um Leukerbad finden Sie hier: www.leukerbad.ch

Text: Carina Scheuringer
Fotos: Carina Scheuringer und Fritz Loretan






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