Entlebuch: Entlebuch, UNESCO Biosphäre – Die Schätze der Natur


2001 wurde das Entlebuch als UNESCO Biosphäre annerkannt. Die Zukunft entsteht hier nicht auf Reissbrettern sondern in den Herzen und Köpfen der Menschen. Im Bestreben, ihr Erbe zu bewahren und auf nachhaltige Weise weiterzuentwickeln, beschreiten die Entlebucher oft neue, innovative Wege, wie eine Entdeckungsreise im ersten elektrischen Tourbus der Welt offenbahrt.


Das Entlebuch ist nicht nur das grösste, sondern auch das schönste Buch im ganzen Kanton, heisst es in Luzern. Tatsächlich. Wie ein grünes Meer funkelt das Haupttal der Kleinen Emme in der Morgensonne. Moore, Weiden und Wälder schlagen sanfte Wellen im Schatten der majestätischen Gebirgsstöcke der Emmentaler Alpen.

Hoch oben auf dem Brienzer Rothorn, dem höchsten Berg des Kantons Luzern, glitzert noch Schnee. Übersät von einem Blumenmeer sind die Wiesen und Flachmoore unten im Tal. Dazwischen rauscht ein frischer Wind durch dunkle Fichtenwälder und raue Karstlandschaften, treibt wilde Bäche vor sich einher und mischt sich unter das fröhliche Gebimmel von Kuhglocken. An den Hängen kleben schmucke Bergbauernhöfe. 17’000 Menschen leben in acht Gemeinden – verteilt auf 395 Quadratkilometer. Es ist eine Idylle, wie von Künstlerhand erschaffen.

 

Für die Natur

Auf der Rengg blinzelt Louis Palmer ins warme Gegenlicht. Suchend gleitet sein Blick über Wiesen und Felder; wird fündig und hält inne. Louis formt die Hände zu einem Trichter und ruft lautstark in die Ferne. Aus einem Zitronenmelissen-See schiessen plötzlich die beiden Köpfe der Rengglis empor, nicken freundlich und vertiefen sich wieder. Zum Plaudern hat das Bergbauern-Paar heute keine Zeit. Es gibt viel zu tun. Emsig tragen sie ihren «Mäherbalken» weiter.

Schwere Maschinerie und Massenproduktion gibt es hier nicht. Die Rengglis bewirtschaften ihr Land lieber von Hand, lassen die Erde sprechen. Ihr naturnaher Ansatz entspricht dem Zeitgeist des modernen Entlebuchs. Mit der Wahl des Tales zur UNESCO-Biosphäre begann 2001 eine neue Ära.

Seither stellen sich die Menschen hier noch bewusster der herausfordernden Aufgabe, ihr Erbe zu erhalten und im Einklang mit der Natur auf ökonomische Weise weiterzuentwickeln. «Die Natur ist in unserem Leben weder Gegner noch Opfer, sondern Partner und Heimat», lautet das Credo der Region.

Es ist ein Denkansatz, der auf verschiedenste Weise Ausdruck findet. So haben sich die Rengglis beispielsweise mit vierzehn weiteren Bauernfamilien zur «Kräuteranbaugenossenschaft Entlebuch» zusammengeschlossen. Gemeinsam produzieren sie Kräuter ohne jeglichen Einsatz von Pestiziden und Herbiziden. Und das tonnenweise! Der Grossteil des Ertrags wird von der Ricola AG in Laufen zu wohltuenden Bonbons verarbeitet.

 

Für erneuerbare Energie

Ebenfalls innovative Wege beschreiten die Nachbarn. Führten die Areggers einst ausschliesslich einen traditionellen Milchwirtschaftsbetrieb, so ernten sie heute auf ihren Wiesen zusätzlich Wind. Beim Weiler Feldmoos erzeugen zwei Turbinen Strom für den Verbrauch von bis zu 300 Haushalten. Der Erfolg inspiriert. Auf dem nächsten Hügel surrt inzwischen eine Anlage der CKW.

Auch Louis Palmer kann sich mit der Pionierleistung der Areggers identifizieren. Er selbst engagiert sich für nachhaltige Energien. Zwar nicht aus der Luft, dafür direkt vom Himmel. Mit 35 Jahren umrundete der Luzerner als erster Mensch mit einem solarbetriebenen Auto die Erde und erhielt dafür die Auszeichnung «Champion of the Earth» von der UNO.

Seit Sommer 2014 unterhält er mit seiner Partnerin Julianna Priskin den «Switzerland Explorer», den ersten elektrischen Tour-Bus der Welt. In lautloser Mission ist dieser regelmässig mit Gruppen im Entlebuch unterwegs, um die abgelenen Schätze der Region zu erkunden. Der 210-PS-Motor des 5.6 Tonnen schweren Fahrzeugs erklimmt dort mühelos Hochtäler und Pässe und mit jeder Talfahrt lädt sich die Batterie wieder von selbst auf. Heute zeigt uns Louis, gemeinsam mit Sandro Widmer vom «Marketingpool Entlebuch», einige der Highlights.

 

Fürs Herz

Gerade einmal 22 Prozent der Akku-Ladung sind verbraucht, als Louis bei Widmen in den Hof von Heidi und Peter Hofstetter einfährt. Aufgeregtes Blöken ist aus der grossen Scheune neben dem Parkplatz zu hören. Als die Landwirte vor rund zwanzig Jahren den Familienbetrieb von Peters Onkel übernahmen, machten sie die Not zur Tugend und wählten, auf der Suche nach Alternativen zur traditionellen Milchwirtschaft, die Schafzucht.

Heute leben rund 240 Milchschafe der französischen Rasse «Lacaune» auf dem Hof. Zwei Mal täglich werden sie gemolken; ihre Milch wird vor Ort in der ersten Null-Energie Käserei der Schweiz unter dem Label der Emscha GmbH zu Joghurt, Quark und Käse verarbeitet. Mit ihrer hofeigenen Produktion sicherte die Familie Hofstetter ihre Zukunft. Denn ihnen war klar: Bauer alleine zu sein, reicht nicht mehr!

Heute muss man sich öffnen – und das auch wortwörtlich. «Man kann sich nicht beschweren, dass der Konsument den Wert eines Produktes nicht versteht, wenn man ihn diesen nicht aus erster Hand erleben lässt», so Heidi. Seit dem Ritterschlag der UNESCO ist der Betrieb daher «Biosphären Bed & Breakfast-Partner.» Heidi lässt ihre Gäste in die Kultur der Region sowie in das Leben eines modernen Landwirtschaftsbetriebes eintauchen. Ein echtes Entlebucher Frühstück darf dabei nicht fehlen.

 

Für den Bauch

Ist der Besucher erst auf den Geschmack gekommen, so erwartet ihn eine vielfältige Welt der kulina-rischen Entdeckungen. Ein Erlebnis ist nicht nur die avantgardistische Naturküche von Stefan Wiesner – «Hexer vom Entlebuch» – im Gasthof Rössli Eschholzmatt. Auch bei Familie Zemp in Schüpfheim landet Ungewöhnliches auf den Tisch. Und zwar Dammhirsch und Wildschwein aus Eigentierhaltung.Vier Jahre ist es her, seit Mario, gemeinsam mit Ehefrau Manuela, nach 44 Jahren den Betrieb vom Vater Richard Zemp übernommen hat. Seither ist alles anders. «Mit ein paar Dutzend Kühen kannst du heute keine Familie mehr ernähren», bestätigt Richard. Mario musste sich etwas überlegen. Zunächst schob er nebenbei Schichten in einem Grastrocknungsbetrieb. Dann kam die entscheidende Idee.

Mit sichtbarem Stolz führt uns Richard – vorbei an vierzehn quietschenden Ferkeln – zum grossräumigen Hirschpark. Dort angekommen, trottet uns Gina erwartungsvoll entgegen. Sie ist eine schöne Hirschkuh; mit sanften Kulleraugen und weichem Fell. Von Hand aufgezogen, folgt sie uns neugierig auf Schritt und Tritt, während uns die restlichen Damen aus der Distanz beäugeln.

Die Herde wirkt zufrieden. Das Risiko hat sich gelohnt. Noch sucht Mario zwar nach lokalen Abnehmern, jedoch verkauft er seine Produkte bereits an Privatabnehmer, beziehungsweise bietet kulinarische Abende im 400-jährigen «Feldchäppeli», in dem sich auch der Hofladen befindet.

 

Für den Ausblick

Ebenso herzlich wie im Hirschpark Zemp ist wenig später die Begrüssung bei der Alpwirtschaft Schlund am Fusse der Schrattenfluh. Kaum aus dem «Switzerland Explorer» entstiegen, erwartet uns Bless, aufgeregt wedelnd mit seinem Stöckchen. Unermüdlich apportiert der quirlige Hund sein geliebtes Spielzeug, während uns Gastgeber Claudio selbst gemachte, köstliche Rauchwürste serviert. Von der Sonnenterrasse der Schlund auf 1’475 Meter über dem Meer reicht der Blick meilenweit. In weiter Ferne ragt das Brienzer Rothorn senkrecht in das blitzblaue Firmament. Der höchste Punkt des Kantons ist ein beliebter Ausgangspunkt für Wanderungen. Er ist im Sommer nicht nur mit der Luftseilbahn sondern auch mit einem speziellen Dampfzug erreichbar. Während am Rothorn das 3-Kantone-Eck oder der Eissee zum Verdauungsspaziergang lädt, entschliessen wir uns – auf der anderen Talseite für eine doppelt gesunde Alternative: die Kneippanlage Schwandalpweiher.

 

Für die Gesundheit

Am Fusse der Schwändelifluh, hoch über dem Waldemmental, ruht inmitten eines bunten Wiesenblumen-Teppichs ein kleiner von zwei Quellen gespeister Weiher. Einst als Reservoir für das Kleinkraftwerk der Sägerei und Holzwarenfabrik Siegwart angelegt, gestaltete die «Genossenschaft Flühli Wasser» den Speicherteich 2003 zu einer Gesundheitsanlage nach Sebastian Kneipp – mit Wassertretanlage, Barfusspfad, Kräutergarten, Gussstation, Arm-Bad und Ruhestation.

Wir entledigen uns kurzum unserer Wanderschuhe, krempeln die Hosen hoch und staksen wie Störche durch das 4°C kalte Wasser. Nach der erfrischenden Wasserkur laufen wir den Barfussweg entlang zur Ruhestation. Ein Dutzend verschiedenster Unterlagen – Holz, Fichtenzapfen und Korken – regen die Durchblutung an und färben unsere Füsse rot. Auf das Arm-Bad folgen eine Warm-Kalt-Dusche und ein Rundgang durch den duftenden Kräutergarten.

Weit über hundert Jahre alt ist die Lehre von Sebastian Kneipp und dennoch ganz und gar nicht altmodisch – besonders wenn sie so eindrücklich umgesetzt wird, wie hier am Bilderbuch-Weiher.

 

Für die Seele

Was für den Körper das Kneippen, ist für den Geist ein Kraftort. In diesem Sinne führt uns unsere letzte Station des Tages zum Wallfahrtsort Heiligkreuz, wo der 500 Meter lange «Seelensteg» die Menschen auf Augenhöhe mit der Natur treten lässt. Hier erlebt man den Wald als Ort der Mitte; als Kontrast zum schnelllebigen, hektischen Alltag. Und der Wald ist nicht irgendein Wald. Er ist ungezähmt, wild, kraftvoll.

Seit über fünfzehn Jahren – seit dem Sturm Lothar – hat der Mensch hier keine Hand mehr angelegt. Das Resultat ist ein wahres Naturjuwel: daumendickes Moos hat alte Baumriesen mit einem weichem Pelz überzogen. Geknickte Stämme liegen schräg am Hang zwischen Heidelbeersträuchern und saftigen Farnen. Der Wald duftet, raschelt und wiegt sich sanft in der Brise. Er spricht wie tausend Bücher; schärft den Blick auf das Wesentliche im Leben.

Eingebettet in kraftvolle Naturlandschaften wie dieser scheint das Entlebuch dem Lauf der Zeit zu trotzen. Und auf gewisse Weise ist das auch so. Denn es stellt sich bewusst einer Zukunft entgegen, die der Welt ihre Wurzeln entreisst; die Natur verschwinden lässt. Das erfordert Innovation, Mut, harte Knochenarbeit und jede Menge Herzblut. Davon wird man nicht reich, aber glücklich. Und dieses Glück spürt man hier im Entlebuch.

 

UNESCO Biosphäre Entlebuch

Chlosterbüel 28

6170 Schüpfheim

+41 (0)41 485 88 50

www.biosphaere.ch

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Was unternehmen?

Steinbock Trek

Der Steinbock Trek Rothorn führt entlang alpiner, gut ausgebauter Wanderwege und ist mit entsprechender Kondition und gutem Schuhwerk für jedermann machbar.

Ab Rossweid erreicht man via Blattenegg, Lättgässli in vier bis fünf Stunden Wanderzeit den Eisee, wo man übernachtet. Am zweiten Tag führt eine Variante in vier bis fünf Stunden nach Sörenberg; eine zweite Variante in fünf Stunden zum Brünig Pass.

Preis: CHF 75/Person

(Kinder bis 12 Jahre CHF 55 und unter 6 Jahren gratis)

Preis inklusive Bahnfahrt, Gepäcktransport Sörenberg-Eisee retour, Übernachtung mit HP im Berghaus Eisee.

www.soerenberg.ch

 

Switzerland Explorer

Entlebuch Tourdaten:

4. Juli, 1. August, 5. September, 3. Oktober oder auf Anfrage

Ab Hotel Schweizerhof Luzern

www.switzerland-explorer.ch

 

Praktische Links:

www.entlebucher-kraeuter.ch

www.windpower.ch

www.schafbuur.ch

www.emscha.ch

www.stefanwiesner.ch

www.hirschparkzemp.ch

www.alpwirtschaft-schlund.ch

www.fluehli-wasser.ch

www.soerenberg.ch

www.heiligkreuz-entlebuch.ch

Text: Carina Scheuringer
Fotos: Carina Scheuringer & swiss-image.ch/Andreas Gerth, Gerry Nitsch






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