Emmental mit dem E-Bike: Der Weg ist das Ziel


Es scheint, als habe sich das Emmental heute besonders fein herausgeputzt. So unerhört schön sieht es aus, dass man sich beinahe fragen muss, ob das nicht schon verboten werden sollte. Unverschämt saftig-grün sind die Wiesen; neckisch bezaubernd die Landgasthöfe; beinahe unerträglich idyllisch die grasenden Kühe mit ihren bimmelnden Glocken; und nahezu provokativ die friedlich plätschernde Emme. Nur gut, dass Schönheit nicht strafbar ist. Ansonsten stünde es wohl schlecht um das Postkarten-verdächtige Emmental. Dabei gibt es Menschen, die unter Emmental nur Käse verstehen.


 

Königliches Emmental

Wohl hat sich der Emmentaler AOP dieses Rampenlicht durchaus verdient. Mit bis zu 120 Kilogramm pro Laib ist er das «Schwergewicht der Schweizer Käse», der «König», den jedes Kind an seinen Markenzeichen erkennt: den charakteristischen Löchern und dem süsslich-nussigen Aroma.

Seit 800 Jahren wird der Emmentaler im Tal der Emme hergestellt, deren stolzen Namen er trägt. Und zwar ohne Zusatzstoffe aus der frischen Milch von Kühen, die bewusst auf Silofutter verzichten. Dafür bürgt seit 2006 das Qualitätssiegel AOP (Appellation d’Origine Protégée), das den traditionellen Emmentaler von anderen Varianten unterscheidet. Denn billige Kopien gibt es viele. Doch dass diese dem Original keineswegs das Wasser reichen können, das lernen wir an diesem Bilderbuch-Tag auf einer E-Bike-Tour aus erster Hand.

 

Authentisches Emmental

Heute Morgen haben wir in Burgdorf eine Münze geworfen – Herz- oder Käseroute? – und uns dann erst recht für beide entschieden. Denn die beiden Routen ergänzen sich ideal und verleihen Einblicke in die lange Käse-Tradition des Berner Voralpengebietes, ohne sich nur auf diese zu beschränken. Schliesslich kann das Emmental durchaus mehr als ‘nur’ Käsern – wenngleich es dieses zugegebenermassen schon besonders gut kann.

Aber das Emmental besitzt auch – zum Beispiel – die Gabe, hochrangige Geschäftsleute dazu zu verleiten, einmal für einige Tage den Anzug an den Nagel zu hängen, um in Gummistiefeln Kühe zu bestellen oder einem widerspenstigen Esel im Feld hinterher zu jagen. Und das einfach nur, weil es mal so richtig gut tut, mitten im Leben zu sein – und zwar in einem anderen Leben, in dem die Natur noch den Takt angibt.

So gesehen in Bättwil, unserem ersten Streckenpunkt. Auf einer kleinen Anhöhe unweit von Burgdorf bietet Familie Mathys in den Gebäuden ihres 300-jährigen Bauernhofes – einer ehemaligen Armenerziehungsanstalt – ein Zuhause für Aussteiger auf Zeit. Aktivferien im Rhythmus der Jahreszeiten, erfüllt mit Arbeit und Aufgaben, welche früh morgens – wie eben jetzt – mit dem Melken der 23 Kühe ihren Anfang nehmen.

Was das Melken in Zahlen bedeutet, erfahren wir wenige Fahrkilometer weiter an der sogenannten «Holzsammelstelle Kaltacker» durch die App der Käseroute, welche in zwei Tagen über 78 Kilometer von Burgdorf nach Langnau und wieder zurück führt. Und zwar gibt eine Schweizer Kuh durchschnittlich 18 Liter Milch pro Tag; also 6’570 Liter pro Jahr. Das reicht gerade für sechseinhalb Laibe Emmentaler AOP zu 85 Kilogramm. Hiervon produzieren 140 Käsereien jährlich 282 Tonnen. Eine durchaus beachtliche Menge, die ebenso von der Besonderheit des Nationalprodukts zeugt, wie unser morgendlicher Snack am nächsten Streckenpunkt.

 

Erholsames Emmental

Denn im «Landgasthof und Seminarhotel Lueg», der Geburtsstätte der «Flyer» E-Bikes, die uns heute als Fortbewegungsmittel dienen, landet der Emmentaler AOP auf dem «Ämmitaler Chästäuer», einem Verkostungsteller regionaler Käsesorten. Doch ist der Landgasthof Lueg nicht nur für sein vorzügliches Essen bekannt, sondern ist vor allem auch ein Geheimtipp in Sachen Wellness. Deswegen – und natürlich auch wegen der bezaubernden Lage – führt die «Route du Coeur» auch in unmittelbarer Nähe vorbei. Denn diese ist durchaus wählerisch.

Vor nunmehr 25 Jahren entwickelte der Utopien-Spezialist Paul Hasler, Sohn der Schriftstellerin Eveline Hasler, das Konzept der Herzroute als Velo-Tour, die nicht auf dem direktesten Wege das eine Ende der Schweiz mit dem anderen verbindet, sondern auf Umwegen die landschaftlichen Reize des Landes auskostet.

Heute führen zwischen dem Lac Léman und dem Bodensee 720 Kilometer und 12’000 Höhenmeter über dreizehn Tagesetappen und durch elf Kantone. Die als erste Teilstrecke 2003 realisierte Emmentaler Herzroute gilt als Paradebeispiel Haslers ambitionierter Vision, steht bei dieser Route der Genuss wahrlich im Vordergrund.

Und eben diesem Wohlbehagen frönen wir auch in der Lueger «Ämmitaler Heuräfsauna», die nicht nur tiefliegende Verspannungen zu lösen vermag, sondern obendrein auch noch gut duftet, bevor wir anschliessend wie Störche durch die Freiluft-Kneippanlage staksen. Dies aktiviert die entspannten Glieder aufs Neue, sodass wir bei der folgenden Hügelauffahrt zum Lueg-Denkmal nicht auf die volle motorische Unterstützung unserer E-Bikes zurückgreifen müssen. Ein stolzer Moment für uns Städter aus dem Flachland, der sogleich mit einem eindrücklichen Weitblick belohnt wird.

 

Genussvolles Emmental

Oben beim Soldatendenkmal erstreckt sich das Panorama meilenweit über die sanfte Hügellandschaft des Emmentals. So schön ist es, dass man gleich nochmals verweilen möchte, wäre der nächste lockende Streckenpunkt nicht schon in Reichweite: die Schaukäserei in Affoltern, ein «Dörfli» in dem vier Gebäude aus verschiedenen Epochen die historische Käseproduktion im Emmental veranschaulichen und aus erster Hand erlebbar machen.

Nach so viel Käse plagt uns nun der grosse Hunger und wir folgen unserer Nase – und der Herzroute – zum mit 14 Gault Millau Punkten ausgezeichneten «Romantik Hotel Bären Dürrenroth», dessen Restaurant sich inmitten eines Ensembles historischer Gebäude von nationaler Bedeutung befindet.

Überraschend ist hier vor allem das «Gästehaus Kreuz», welchem wir nach einem ausgiebigen Mittagessen einen Besuch abstatten. Ein idyllischer Bauerngarten bettet den mit hölzernen spät-barocken Ständerbau in ein bunt fröhliches Farbenmeer. Und unter dem Jahrhunderte alten Walmdach verbirgt sich eine 100 Quadratmeter grosse «Wellness-Suite» komplett mit Sauna, Dampfbad, Whirlpool und Erlebnisduschen. Ein Plätzchen, so einladend, dass man am liebsten gleich einchecken möchte.

 

Aussichtsreiches Emmental

Auch im Regionalmuseum «Chüechlihus», unserer nächsten Station, ist der Spagat zwischen Traditionund Moderne hervorragend gelungen. Mit seinem steilen Dach, den vorstehenden Blockkonsolen und der, durch unregelmässige Fensterreihen gegliederten Fassade, ist das aus dem Jahre 1526 stammende Gebäude das älteste, weitgehend erhaltene der Region. 1981 wurde es vollkommen restauriert; 2009 erweitert. Heute verleihen 25 Räume faszinierende Einblicke in die Geschichte, Menschen, Traditionen und dem Alltag im Emmental.

Ein Überblick, den nur einer zu toppen vermag: und zwar der «Aussichtsturm Chuderhüsi», der ein Panorama eröffnet, das vom Schwarzwald bis zum Berner Dreigestirn reicht. Und genau zu diesem – auf der Herzroute gelegenen – Turm lenken wir unsere Zweiräder noch auf Umwegen zum Abschluss, ehe wir letztlich in unserem Tagesetappenziel auf der «Moosegg» eintreffen.

Hier sind die Vorbereitungen in vollem Gange. Soeben erst hat das Freilichttheater seine Saison beendet und schon befindet sich das Herbstprogramm in den Startlöchern: denn die bunteJahreszeit wird auf der «Moosegg» ausgiebig gefeiert. Und zwar mit Trüffel und Wild sowie den «haarsträubenden Fällen des Philip Maloneys.» Mit viel Engagement und grossem Ideenreichtum haucht Daniel Lehmann – der einst Mitglied der Schweizer Nationalkochmannschaft war – hier dem elterlichen Betrieb neues Leben ein.

Ruhe kehrt im «Moosegg» aber nachts ein – und das im wahrsten Sinne! Dann ist es nämlich so still, dass man vermeint, man wäre mutterseelenallein im ganzen Emmental. Erst am frühen Morgen ertönt das Gezwitscher der Vögel. Dann stehen Eiger, Mönch und Jungfrau am Horizont stramm wie Zinnsoldaten und das Emmental – nun ja, das Emmental hat sich wieder sehr fein herausgeputzt.

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Wo schlafen?

Emmental Tourismus

Bahnhofstrasse 44

3400 Burgdorf

+41 (0)34 402 42 52

www.emmental.ch

Was unternehmen?

Spot Tipp: Kambly Erlebnis Tour

Die Liebe geht durch den Magen, heisst es. Somit ist es umso passender, dass die Geschichte der «Guetzlifabrik» Kambly ihren Anfang nahm, als der junge Oscar R. Kambly der Liebe wegen vom Welschland nach Trubschachen zog und dort «Bretzeli» nach Grossmutters Familienrezept zu fabrizieren begann. Denn damit backte er sich nicht nur in die Herzen einer Talschaft, sondern einer ganzen Nation.

Neben der Liebe für das Gute benötigt es edle Zutaten, um die feinen Kambly Spezialitäten herzustellen. Den Zutaten aus dem Emmental hat Kambly darum einen eigenen Themen-Radrundweg gewidmet: die Kambly-Erlebnis Tour. Diese wurde 2013 mit dem «Milestone-Award» der Schweizer Tourismus-Branche ausgezeichnet und besucht die lokalen Rohstofflieferanten.

Auf 30 Kilometern und über 700 Höhenmeter führt die als Route 777 beschilderte Velo-Strecke mittels App (für Android und iPhone) durch die Emmentaler Hügellandschaft, vorbei an der Bergkäserei Hüpfenboden (Seite 49), der Milchwirtschaft Hinterer Blapbach zur Mühle Haldemann und dem Bauernhof Bäreggwinkel, wo Urdinkel angebaut wird. Natürlich darf dabei ein Abstecher ins «Kambly Erlebnis», der Erlebniswelt in Trubschachen, nicht fehlen.

Hier werden Besucher mit Ton und Licht durch die über 100-jährige Geschichte des Familienbetriebes geführt, können in der Schau-Confiserie den Maîtres Confiseurs bei ihrer Arbeit über die Schultern schauen und anschliessend über 100 «Guetzli-Sorten» nach Herzenslust degustieren oder im Kambly-Café verweilen.

 

 Kambly Erlebnis

Mühlestrasse 8

3555 Trubschachen

+41 (0)34 495 02 22

www.kambly.com/kamblyerlebnis

 

Käseroute

Die 2013 eröffnete Käseroute ist ein Themen-Radweg, der über 35 Kilometer (1 Tag) beziehungsweise 78 Kilometer (2 Tage) mittels App (Android und iPhone) von Burgdorf nach Langnau und wieder zurückführt. An 21 Streckenpunkten übermitteln Bilder, Videos und Audio-Informationen Wissenswertes zu diversen Themen. Smartphones sowie «Flyer» E-Bikes können in Burgdorf gemietet werden. Jeder Teilnehmer erhält kostenlos ein Gutscheinheft und einen Smartphone Halter für das Lenkrad.

www.kaeseroute.ch

 

Herzroute

«Eine Symphonie aus Hügeln und Ausblicken.» So beschreiben die Macher der Herzroute den Klassiker durch das Emmental, der auf 63 Kilometern von Willisau nach Burgdorf führt. Eine zweite Etappe führt über verschlungene Wege von Langnau nach Burgdorf, vorbei an Prachtexemplaren Emmentaler Baukunst und entlang der lieblich plätschernden Emme.

www.herzroute.ch

Text: Carina Scheuringer
Fotos: Carina Scheuringer & Cherez Tschopp






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