Emmental: Land der Geniesser


Emmental | Auch früher wussten die Städter schon, was ihrer Seele gut tat. Sie begaben sich auf «Sommerfrische» und bezeichneten damit einen Urlaub auf dem Land. Heute beflügelt derselbe Wunsch nach Natürlichem, Ursprünglichem und Geerdetem ihre Sehnsucht. Fündig werden sie, wie Isabelle und Martina, zum Beispiel im Zuge einer Genusstour durch das Oberemmental. Dort gibt es Natur, klare Luft, inspirierende Menschen und köstliche regionale Produkte. 


Fritz Baumgartner beginnt jeden Morgen um 5 Uhr Früh mit dem Käsen. In seinem Betrieb, der «Käserei Mühlekehr» am Fusse des Napfs, wird seit 1831 Rohmilch von den umliegenden Bauernhöfen verarbeitet. Aktuell bedeutet das 1,75 Millionen Liter pro Jahr, die zwei Mal täglich von 19 verschiedenen Produzenten angeliefert werden. Daraus macht der Käsemeister mit einem Helfer 150 Tonnen Emmentaler nach den strengen Richtlinien des Qualitätslabels AOP.

Klasse statt Masse

Zukünftig soll auch eine Bio-Variante hergestellt werden. Der dafür benötigte neue Raum befindet sich bereits im Rohbau und die beiden Stadt-Bernerinnen Isabelle und Martina inspizieren diesen neugierig bei ihrem morgendlichen Besuch, dem ersten Halt ihrer Genusstour durch das Oberemmental. Für Fritz ist Bio nicht nur eine Überzeugung, sondern auch aus unternehmerischer Sicht sinnvoll. Er erklärt: «Der Name Emmentaler ist nicht geschützt und der Markt ist deshalb überlastet mit billiger Massenware aus dem In- und Ausland. Für traditionelle Produzenten wird die Marge immer kleiner. Um unsere Daseinsberechtigung zu bewahren, müssen wir uns daher differenzieren und zwar durch das, was wir am besten können: Hohe Handwerkskunst und hervorragende Qualität.»

Anstatt den kleinen, aber feinen Unterschied lange zu erläutern, lässt Fritz seinen Käse für sich sprechen. Auf einem hölzernen alten Pressdeckel präsentiert er den Besucherinnen eine Auswahl seiner Schätze: Zwei unterschiedlich lang gereifte Variationen seines Emmentalers AOP, serviert mit Honig, welchen er auch selbst herstellt. Da die Produktion des Emmentalers AOP eingeschränkt ist, ist Fritz nebenbei noch Imker und erzeugt Butter und Bratfett aus der überschüssigen Milch, die er nicht verarbeiten darf. Als Kleinunternehmer muss man eben erfinderisch sein!

Fasziniert lauschen die Stadtkinder den Erzählungen des Käsemeisters und verkosten begeistert seine Kreationen. Genau solchen Menschen wie Fritz Baumgartner wollten sie heute begegnen und haben deswegen für ihre Genusstour auch speziell das Oberemmental ausgewählt, da hier die Natürlichkeit, Authentizität und Regionalität noch gross geschrieben wird. Das widerspiegelt sich nicht nur in den Produkten, sondern auch in deren Machern.

Haben Isabelle und Martina auch schon vorher – beim wöchentlichen Einkauf in Bern – auf die Herkunft ihrer Produkte geachtet, so eröffnet der direkte Kontakt zum Produzenten nun eine völlig neue Sichtweise. Und das Beste steht noch bevor: Ehe die beiden Mädels weiterziehen, dürfen sie noch einen Blick hinter die Kulissen werfen. In der Käserei wird es nämlich jeweils gegen 10 Uhr besonders spannend, wenn der Käsebruch fertig in die bereitstehenden Plastikformen gepumpt und in Form gepresst wird. Während unten die Molke ausläuft, darf jetzt oben das Gütesiegel aufgelegt werden. Ein stolzer Moment, der – fünf Stunden nach Arbeitsbeginn – auch redlich verdient ist.

Orte mit Seele 

Die «Käserei Mühlekehr» ist ein Aushängeschild der Gemeinde Trub – mit 6’201 Hektaren eine der grössten Gemeinden im Kanton Bern und mit 50 Prozent Wald auch eine der waldreichsten. Doch das ist nur eines der vielen Highlights. Allen voran begeistert die Landschaft, denn Trub ist ein Gebiet, wo frühmorgens Licht und Nebel zwischen grünen Hügeln miteinander spielen und wo das Land noch wirklich ländlich ist – eben genauso, wie sich Isabelle und Martina das Oberemmental auch im Vorfeld vorgestellt haben.

Kleine Strassen führen zu wunderschönen Höfen und blumenübersäten Bauerngärten. Dazwischen liegen Blumenwiesen und eingezäunte Weiden. Und in deren Mitte ruht, fast wie von der Welt vergessen, ein verträumtes Dorf. Etwa 1’350 Menschen leben in der Gemeinde. Doch ungleich mehr sind heimatberechtigt, wie sich entlang des interessant gestalteten Themenweges zeigt, der vom Familienplatz bis zum Täuferweg führt.

Die Mädels können es sich nicht verkneifen, einen ungeplanten Stopp einzulegen, um zumindest den historischen Dorfkern samt Kirche beim alten Kloster zu besichtigen. Und der kleine Fussmarsch ist auch strategisch von Vorteil, denn als nächstes steht Trubschachen auf dem Programm. Letztlich wäre ja ein Besuch des Emmentals ohne die berühmten Biskuits so wie Paris ohne Eiffelturm.

Menschen mit Herz 

Im «Kambly Erlebnis» führt Isabelle und Martina eine multimediale Show durch die 111-jährige Geschichte des «Bretzeli»-Bäckers und erzählt von der Liebesgeschichte des Oscar Kambly und dem Originalrezept seiner Grossmutter. Die Bernerinnen lassen sich verzaubern, blicken den Maîtres Confiseurs in der Schauconfiserie über die Schultern und verkosten aus 100 Guetzlisorten, bis sie die passenden Mitbringsel für ihren nächsten Besuch eruiert haben.

In Langnau i. E. erwarten sie bereits Alena Langenegger und ihre Schwester Hana Bärtschi, um sie in deren Familientradition einzuführen: Das Pilze-Sammeln. Für die Stadtkinder ein echtes Erlebnis, mit den kundigen Kennern durch den Wald zu stapfen, frische Luft zu atmen und zugleich Pilze in all ihren verschiedenen Formen und Farben zu entdecken.

Bei solch Vielfalt ist aller Anfang zwar schwer, doch die Schwestern sprechen den Mädels bei jedem Giftpilzfund aufmunternd zu. «Wir haben auch klein begonnen und sammelten nur die Pilze, die wir von zu Hause kannten», verrät Alena, die ursprünglich aus der Tschechischen Republik stammt. «Dann erfuhren wir von der Pilzkontrolle, einem kostenlosen Service der Gemeinde, und begannen zu experimentieren. So haben wir viele neue Arten kennengelernt und unser Repertoire erweitert.» Heute ist das einstige Hobby ein kleiner Nebenerwerb für die Hotelfachfrau, die unter anderem getrocknete Steinpilze, Pilzmischungen oder eingelegte Eierschwämme zum Verkauf anbietet.

Einmal die Körbe gefüllt und den Kopf voller Zubereitungsideen stellt sich bei Isabelle und Martina der Hunger ein. Bei den unzähligen Verkostungen von heute Morgen, haben sie doch tatsächlich auf das Mittagessen vergessen, jedoch zum Glück einen Picknick-Korb von «Ämmitaler Ruschtig», einem Verein regionaler Produkte, mit dabei. Mit Blick über die Hügellandschaft breiten sie die Decke aus, stossen auf ihre kleine Sommerfrische an und lassen es sich wohl schmecken.

Vor der Rückreise steht nun noch ein letzter Name auf der Liste: Adrian Gygax. Der 40-jährige Metzger ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet und Schlächter des Vertrauens vieler Bauern der Region. «Es geht um Wertschätzung und Respekt gegenüber dem Tier sowie um Verantwortung gegenüber dem Produzenten und den Kunden», erklärt Adrian bescheiden und lässt die Mädels ein Stück Beinschinken probieren.

Als sie später die «Metzgerei Gygax» in Lützelflüh verlassen, hallen Adrians letzte Worte am längsten nach: «In einer Welt, in der alles immer anonymer wird, hat das Regionale einen immer wichtigeren Stellenwert», meinte er abschliessend und hatte damit recht. Das hat der heutige Tag mehr als verdeutlicht. Und für Isabelle und Martina liegt ihre Region auch ausserhalb der Stadtgrenzen: Auf dem Land eben.

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Was unternehmen?

Emmental Tourismus 

Bahnhofstr. 14, 3400 Burgdorf 

+41 (0)34 402 42 52 

www.emmental.ch 

 

Verein Ämmitaler Ruschtig 

c/o Emmental Tours AG 

Bahnhofstr. 14, 3400 Burgdorf 

info@aemmitaler-ruschtig.ch 

www.aemmitaler-ruschtig.ch

 

Dorfkäserei Mühlekehr 

Mühlestrasse 31, 3556 Trub 

+41 (0)34 495 53 64 

Teil von www.gourmino.ch

 

Kambly Erlebnis 

3555 Trubschachen 

+41 (0)34 495 02 22 

www.kambly.ch 

 

Alena Langenegger 

+41 (0)79 285 45 09 

Die Pilze können über «Ämmitaler Ruschtig» bestellt werden 

 

Metzgerei Gygax AG 

Dorfstr. 14, 3432 Lützelflüh 

+41 (0)34 461 13 80 

www.metzgerei-gygax.ch 22

Text: Carina Scheuringer
Fotos: Carina Scheuringer






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