National: Auf den Spuren Schweizer Legenden – Namhafte Skipisten


Nation auf der Weltcup-Bühne ihren grossen Auftritt feiern, dann fiebern Hunderttausende Zuseher an den Bildschirmen mit. Unvergessen bleiben die grossen Könner dieses Sports und die Momente, in denen sie Renngeschichte schrieben. Mit Spezialpisten zollen viele Schweizer Skiregionen ihren namhaften ‘Kindern’ Tribut. Dass es sich bei diesen Strecken zumeist um die wohl anspruchsvollsten, schnellsten und exponiertesten handelt, versteht sich natürlich von selbst. Schliesslich will gefordert sein, wer mit den Ski-Legenden wetteifern will. Doch was genau die Pisten der Ski-Grössen so interessant macht und warum sie zu den jeweiligen AthletInnen passen, das wollten wir aus erster Hand erfahren und sprachen mit den Namensgebern über ‘ihre’ Pisten.


Silvano Beltrametti – Die Strecke für Kämpfer

66 Prozent Gefälle, 727 m Höhendifferenz, 2,27 km Länge, schwierige Piste

Wir drehen die Zeit zurück zu einer Geschichte, die bis heute berührt. Es ist Dezember 2001. 22-jährig startet Silvano Beltrametti mit Startnummer 14 bei der Weltcup Abfahrt in Val d’Isère sein Rennen. Die Erwartungen sind gross: Der Bündner zählt zu den absoluten Favoriten. Mit vollem Einsatz wirft er sich in den Hang und liegt bei der Zwischenzeit um einige Hundertstel in Führung. Dann, eine kleine Unachtsamkeit! Mit 120 km/h verliert der Ski-Profi die Kontrolle. Eine Werbebande und zwei Netze können ihn nicht stoppen. Erst durch einen Pfosten wird sein Lauf gebremst. Silvano überlebt – mit viel Glück – doch ist er fortan querschnittsgelähmt. Ein harter Schlag, dem der junge Bündner mit enormen Kampfgeist begegnet. Mit kleinen Zielen und Siegen erarbeitet er sich letztlich eine neue Zukunft.

Vierzehn Jahre später befährt er mit seinem Mono-Ski wieder schwarze Pisten. Ebenso führt er – gemeinsam mit Frau Edwina – das Hotel Tgantieni in seiner Heimatregion Lenzerheide. Die ihm dort gewidmete Rennstrecke zählt mit einer Neigung von bis zu 66 Prozent zu den steilsten und schwierigsten Damenabfahrtspisten im Weltcup und «ist auch für die besten Skifahrer der Welt eine Herausforderung.» Wer diese Abfahrt erfolgreich meistern will, benötigt nicht nur «Mut und Konzentration», sondern auch «gutes  Material und einen klaren Kopf», so der Namensgeber.

Die anspruchsvolle Strecke schmiegt sich in die Steilhänge oberhalb von Parpan und führt auf 2,27 km von der Mottahütte am Ende der Sesselbahn Motta (auf 2’257 m.ü.M) direkt zum Dorfrand auf 1’530 Höhenmeter. Als Schlüsselstellen gelten das Blaesi- Eck (benannt nach dem Projektleiter Roland Blaesi), die Heimberg-Kante (ein Steilhang mit einer Neigung von bis zu 66 Prozent), das Aelpli-S (hier wird eine Geschwindigkeit von 110 bis 120 km/h erreicht) und die Einfahrt in den Wanner-Zielhang (da ‘brennen’ die Beine bereits ungemein). Eine Strecke für Kämpfer, die, ausgenommen der Renn- und Trainingstage, für alle zugänglich ist.

«Warum die Piste zu mir passt: Sie hat Ecken und Kanten und ist die steilste Piste für Damen Speed- Rennen. Es braucht Mut, um sie zu meistern. Ich selbst befahre gerne schwierige Pisten und bin gerne gefordert. Und gefordert ist man auf der Silvano Beltrametti Piste garantiert!» Silvano Beltrametti 

 

Franz Heinzer – Die Strecke für Überflieger

90 Prozent Gefälle, max. 589 m Höhendifferenz, 4 km Länge, schwierige Piste

Unsere Gedanken tragen uns zurück in die Achtziger- und frühen Neunzigerjahre. Eine Klasse für sich in der Abfahrt war damals der Schwyzer Franz Heinzer. Drei Mal hintereinander gewann er den Weltcup; stand bei insgesamt siebzehn Rennen ganz oben am Siegerpodest und konnte einmal sogar den Super G-Weltcup für sich entscheiden. Nur bei den Weltmeisterschaften sollte ihm einfach kein Erfolg beschieden sein. Nach drei vierten Plätzen in Folge galt Heinzer als der Pechvogel des Schweizer WM-Abfahrtsteams, ehe er 1991 in Saalbach-Hinterglemm endlich das lang verdiente WM Gold holte.

Heute trainiert Heinzer das Swiss Ski-Team und ist stolzer Namensge-ber jener Rennstrecke auf dem Stoos, auf welcher 2010 die Speed- Disziplinen der Schweizer Ski-Alpin-Meisterschaften ausgetragen wurden. Die 2007 realisierte Piste, die vom Klingenstock in direkter Linie talwärts führt, ist eine FIS-anerkannte Trainings- und Rennstrecke für Abfahrt und Super-G; verbunden mit einem dementsprechend hohen Sicherheitsstandard. Laut Heinzer «zeichnet sich diese Strecke durch alle Elemente aus, die eine zeitgemässe, moderne Piste für alle Disziplinen haben muss», denn sie ist «sehr abwechslungsreich mit vielen Übergängen, Sprüngen, Kurven, einem teilweise extrem steilen Gelände und der Schlüsselstelle über die Trittkante.» Deswegen ist sie für versierte Fahrer ein besonderes Vergnügen!

«Warum die Piste zu mir passt: Schon in meinen Jugendjahren gehörte diese schneesichere Strecke auf dem Stoos zu meinen Lieblingspisten. Bis heute bin ich mit dieser wunderbaren Mythenregion verwurzelt und erfreue mich immer wieder an ihrer Vielfalt.» Franz Heinzer

 

Bernhard Russi – Die Strecke der Varianten

70 Prozent Max. Gefälle, 950 m Höhendifferenz, 4,3 km Länge, schwierige Piste

Die besten Worte findet die grosse Skilegende selbst: «Schliessen Sie die Augen und stellen Sie sich vor: Sie sind auf dem Gemsstock in Andermatts anspruchsvollen, hochalpinen Skigebiet. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint und es ist angenehm kalt. Die Schneeverhältnisse sind bestens. Neben der Piste liegt Pulverschnee, doch Sie entscheiden sich für den Russi-Run.

Die Zufahrt ist angenehm breit, fest präpariert, mittelsteil. Etwa in der Hälfte führt ein schmaler Weg nach links hinüber in den Russi-Run. Niemand fährt dort, ohne anzuhalten direkt in diese eindrucksvolle Geländerille. Vor – beziehungsweise unter ihnen – liegt nun dieser atemberaubende Hang, der inklusive Auslauf über 500 m lang ist: Er ist wie ein breites Couloir und ist rechts und links ganz natürlich aufgebogen – fast wie eine Halfpipe. Sie spüren, dass dieser Hang gegen unten zwar etwas breiter wird, aber auch steiler; bis zu 70 Prozent maximal.

Wenn ich dort oben stehe, überkommt mich jedes Mal von Neuem dieses Wechselbad der Gefühle: Wie soll ich da jetzt hinunter fahren? Diese Piste ist immer perfekt präpariert. Es sind also alle Varianten und Tempi möglich… Soll ich der Versuchung erliegen und gerade hinunter schiessen (sofern ich den richtigen, langen Ski am Fuss habe)? Mein Sohn hat dies anlässlich der offiziellen Eröffnung dieser Piste gemacht und dabei über 150 km/h erreicht!

Oder soll ich, wie ich dies in neunzig Prozent der Fälle mache, die Rinne auscarven bis zuunterst, von einer Seite zur andern, jeweils am Schluss der Kurve wieder leicht hangaufwärts um das Tempo zu kontrollieren, ohne anzuhalten. Ein 20 m Radiusski muss es aber mindestens sein. Oder soll ich den Hang richtig geniessen und zwei, drei Stopps einbauen und dabei die Skier auch etwas rutschen lassen, wie ich es mit Gästen oder weniger verrückten Skifahrern tue?» Unvergesslich. Unvergleichbar – wie Russi selbst.

«Die Piste passt zu mir, weil sie meinem Charakter entspricht. Eine klare Linie mit Varianten zum Ausleben der jeweiligen Situation! Sie passt auch zu mir, weil sie einen Hauch von Abenteuer widerspiegelt, Respekt einflösst und trotzdem nicht gefährlich ist!» Bernhard Russi 

 

Carlo Janka – Die Strecke für Anspruchsvolle

42 Prozent Gefälle, 210 m Höhendifferenz, 500 m Länge, schwierige Piste

Eine geballte Faust, die Daumen hoch, der Ansatz eines Lächelns: Als Carlo Janka vergangenen Winter – nach langer Durststrecke – als Sieger das oberste Podium erklomm, nahm eine ganze Nation an seiner Freude teil. Irgendwie, so fand er selbst, sei Wengen einfach ein magischer Ort für ihn. Tatsächlich hatte Janka es hier schon acht Mal unter die besten Drei geschafft. Seit seiner Herzoperation im Februar 2011 waren die Erfolge spärlich geworden. Zuvor hatte der Bündner jedoch die Olympiade, die Weltmeisterschaften und den Gesamtweltcup für sich entschieden und sich als einer der besten Skifahrer seiner Zeit gekrönt.

An die herausragenden Erfolge ihres ‘grossen Sohnes’ erinnert in Obersaxen eine Tafel an der 2014 eigens für ihn realisierten ‘Carlo-Janka-Piste.’ In einem Gebiet mit mehrheitlich leicht bis mittelschweren Pisten führt die schwarz markierte Abfahrt vom Stein steil hinab zur Mittelstation Kartitscha und gilt als besonders anspruchsvoll. Was, laut Janka, diese Strecke besonders auszeichnet ist die Tatsache, «dass sie in die wunderschöne Bergwelt der Surselva eingebettet ist.» Ein Tipp vom Profi: «Gut aufwärmen vor dem Losfahren!»

Warum die Piste zu mir passt? «Die Bergbahnen haben die schwerste Piste im Skigebiet Obersaxen Mundaun Val Lumnezia nach mir benannt. Ich finde, das passt, weil ich Herausforderungen mag. Ich hoffe, den Ski-Gästen geht es genauso!» Carlo Janka 

 

Didier Défago – Die Strecke für Wettstreiter

66 Prozent Gefälle, 443 m Höhendifferenz, 2,3 km Länge, schwierige Piste

Dem Abfahrtsolympia-Sieger von Vancouver 2010 wurde in seinem Heimatort Morgins eine besonders anspruchsvolle Naturschneepiste gewidmet, die bis vor kurzem aus-schliesslich Freeridern vorbehalten war. In den Worten von Didier Défago:

«Die Piste schlängelt sich zwischen Felsen in Richtung Tal. Der erste Teil beginnt steil und bietet dem Fahrer nur eine kurze ‘Vorbereitungszeit’ auf den zweiten, richtig steilen Abschnitt. Wer diese Herausforderung gemeistert hat, wird zum Schluss der Piste mit sanften Geländeübergängen und angenehm zu befahrende Bodenwellen belohnt. (Diejenigen, denen der erste Teil zu steil ist, können mittels Umfahrung weiter unten wieder zurück auf die original Strecke einbiegen). Bei Neuschnee kann man auf dieser aussergewöhnlichen Piste, den ‘Freeride-Spirit’ nach wie vor erleben.» Der Meister empfiehlt, «mit Spass und Selbstbewusstsein in die Piste zu fahren und sie dann in vollen Zügen zu geniessen!»

«Warum die Piste zu mir passt: Diese Piste ist eine Herausforderung. Gleich zu Beginn fordert der Steilhang alles von einem ab. Ab dem ersten Schwung muss man bereit sein. Den Tag gleich mit einer Herausforderung zu starten, ist ganz nach meinem Gusto.» Didier Défago 

 

Mike von Grünigen – Die Strecke für Vielfältige 

26 Prozent Gefälle, 539 m Höhendifferenz, 3,1 km Länge, schwierige Piste

Seinen Namen kennt jedes Kind! Von Mitte 1990 bis 2003 domi- nierte Mike von Grünigen im Weltcup die Disziplin Riesenslalom und zählte zeitweise auch im Slalom zur Weltspitze. Mit Medaillen bei Weltmeisterschaften, der Olympiade sowie zahlreichen Riesenslalom- Gesamtweltcup-Siegen ist der gebürtige Schönrieder einer der erfolgreichsten Skirennfahrer aller Zeiten. Trotz seiner Erfolge ist Mike stets bescheiden geblieben – und so ist es wenig überraschend, dass man ihn auch heute noch auf den Pisten seiner Heimat antref-fen kann, wo er die Jugend des Skiclubs Schönried betreut. Und das natürlich auch immer wieder auf ‘seiner’ Piste am Horneggli!

«Der MVG-RUN ist eine anspruchsvolle Strecke, die gut ins Gelände eingearbeitet ist und sich für Trainingsfahrten und Wettkämpfe aller Art eignet», verrät er. «Sie verlangt vom Fahrer, sein Bestes unter Beweis zu stellen.» Um die überaus schöne, abwechslungsreiche Kombination aus Steilhänge, Kompressionen, Sprünge und Wellen bravourös zu meistern, empfiehlt Mike «gutes Material und ein wenig Kondition» und merkt dabei an: «Eine kleine Verschnaufpause in der Mitte erlaubt einen wunderbaren Blick auf das Dorf Schönried.»

«Warum die Piste zu mir passt: Aufgrund ihrer Vielfalt und den technischen Ansprüchen passt der MVG-Run gut zu meinem Charakter und Fahrstil. Ausserdem bin ich in Schönried aufgewachsen und bis heute hier verwurzelt.» Mike von Grünigen 

 

Vreni Schneider – Die Strecke für Liebhaber des Wintersports

30 Prozent Gefälle, 590 m Höhendifferenz, 5 km Länge, mittelschwere Piste

Mit je drei WM- und Olympia-Goldmedaillen sowie insgesamt 55 Weltcup-Siegen schrieb Vreni Schneider als bisher erfolgreichste Skirennfahrerin Geschichte. Sie beherrschte das Renngeschehen in den 1980er und 1990er Jahren und eroberte mit ihrer gewinnenden Persönlichkeit die Herzen der Nation. In der hintersten Ecke des Glarnerlandes – dort, wo Vreni einst ihre ersten Schwünge in den Schnee zauberte, wurde Vreni mit Blick auf ihr Heimatdorf Elm eine eigene Piste gewidmet.

Die «Vreni-Schneider-Piste» führt von der Berg- zur Talstation der Schabell-Sesselbahn. Oben verläuft sie entlang des Weidelandes mit herrlichem Ausblick; unten neben spärlich bewaldetem Gelände. Mit maximal 30 Prozent Gefälle ist die Strecke – laut Namensgeberin – eine «mittelschwere Piste, die sozusagen jede Person gut meistern kann und eignet sich, aufgrund ihrer Breite, perfekt zum Carven und auch zum Snowboarden. «Wichtig ist, die Geschwindigkeit anpassen zu können», rät die Pistenkönigin, «denn, egal wie schnell man die Vreni-Schneider- Piste meistert, langsamer und kontrollierter zu fahren, kann ebenso viel Spass und Freude bereiten.»

«Warum die Piste zu mir passt: Ich glaube, dass es damals eher Zufall war, dass diese Piste ausgewählt wurde, um ihr meinen Namen zu geben. Weil sie jedoch auch etwas steiler ist, passt sie sicher zu mir, da ich früher im Weltcup eine Slalom- und Riesenslalomspezialistin war.» Vreni Schneider

 

Lara Gut – Die Strecke für gute Anfänge 

50 Prozent Gefälle, 120 m Höhendifferenz, 700 m Länge, rote Piste

Im Alter von 17 Jahren wurde die sympatische Tesserin zur jüngsten Siegerin eines Super-G Weltcup-rennens und zählt seither mit Weltcupsiegen und Medaillen bei Grossveranstaltungen wie Weltmeisterschaften und den Olympischen Spielen zu den Grössen im Schweizer Skirennsport.

In Andermatt wurde Lara eine Piste gewidmet, die eine spezielle Bedeutung für die 24-Jährige hat. «Ich kann mich erinnern, dass ich bereits als Kind auf der Lara-Piste mehrmals Slalom trainiert habe. Es ist auch die Piste, auf welcher ich nach meinem Unfall das erste Mal wieder auf den Skis gestanden bin. Deswegen hat diese Piste für mich eine spezielle Bedeutung – sie steht für mich für einen Neuanfang.» Lara empfiehlt die Piste als Einstieg in den Skitag, denn «sie ist nicht zu steil, fährt sich gemütlich und ist dennoch in interessantem Gelände gelegen und mit Wellen versehen.»

«Warum die Piste zu mir passt: Weil sie eine persönliche Bedeutung für mich hat.» Lara Gut

 






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