Appenzellerland: Sennensattlerei – Ein Stück echte Handwerkskunst


Den einen Hügel rauf, den anderen hinunter. Dann stehen wir im Herzen des historischen Dorfkerns von Appenzell vor einem mit gräulich verwitterten Holzschindeln verkleideten Häuschen: dem ‘Büdeli’von Roger Dörig.


„Wegen der grossen Nachfrage bleibt das Geschäft heute geschlossen!”besagt das Schild an der Eingangstüre. Und tatsächlich lässt sich die Klinke nicht bewegen. Neugierig blicke ich durch die Glasscheibe. Was für eine Werkstatt! So etwas habe ich noch nie gesehen!

Vom Boden bis zur tiefliegenden Holzdecke ist der Raum gefüllt mit einzigartigen Artefakten. Älpler-Motive aus poliertem Messing funkeln auf Riemen und Gürteln. An einer Wand hängen unter Stierhalftern und Pferdegeschirren drei überdimensionale Kuhglocken mit kunstvollen Stickereien. An einer anderen Hammer und Punzen. In der Mitte des Raumes liegt auf einem grossen Holztisch ein ‘Chüeligurt’mit Ornamenten, vorbereitet zum Beschlagen. Dahinter steht ein schmucker Schaukasten, gefüllt mit Uhrenketten und Goldschmuck.

Der Schauraum des Sennensattlers ist zugleich auch seine Werkstatt. Hier arbeitet der 44-Jährige Sattelsenner frühmorgens, bis die ersten Touristen wissbegierig durchs Fenster spähen. Dann zieht er sich in den hinteren, neuen Teil der Werkstatt zurück. Dörig entgeht gerne den Blicken; macht sich rar, um die stetig steigende Nachfrage durch seine Abwesenheit zu dosieren. Schliesslich ist er doch einer der Letzten seiner Art und da ist es besonders wichtig, dass er sich nicht überlaufen lässt. Nur heute macht er eine Ausnahme und heisst uns freundlich willkommen.

 

Traditionsreiches Handwerk

Das Sennensatteln hat im Appenzellerland eine lange Tradition –und ist „sozusagen eine Mischung aus Sattlerei und Goldschmiede.”Schon im 18. Jahrhundert schufen Handwerker meisterliche Lederarbeiten mit Messingbeschlägen –so zum Beispiel Schellenriemen für Leitkühe, Halsbänder für Appenzeller-Hunde und Hosenträger.

Dörigs ‘Büdeli’ist dabei ein geschichtsträchtiger Ort. Hier wird das traditionelle Handwerk schon seit 130 Jahren zelebriert. Dabei war es keineswegs selbstverständlich, dass Dörig das Zepter von seinem Grossvater übernehmen würde. Denn eigentlich hatte er sich schon in jungen Jahren dem Sport verschrieben. Als Profi-Skirennfahrer trainierte der Appenzeller als Teil des B-Kaders der Schweizer Nationalmannschaft an der Seite von Bruno Kernen und Didier Cuche, bis eine Knieverletzung den Traum einer Skikarriere jäh beendete.

Heute jedoch ist er dankbar, die alte Sennensattlerei im Sinne seines Grossvaters, weiterführen zu können. „Für mich ist es wichtig, die Tradition zu bewahren”, sagt Dörig. Dabei beschäftigt er sich besonders gerne mit dem Ziselieren, dem feinen Bearbeiten von Mösch (Beschläge), Silber oder Gold mittels Hammer und ‘Iselis’(Punze). „Es ist eine abwechslungsreiche, zeitintensive Tätigkeit, bei der sich stets neue Varianten ergeben”, erklärt er. Und genau diese Spielerei bereitet ihm, auch nach 20 Jahren noch die grösste Freude.

 

Mit Liebe gemacht

Dörig hat in der Sennensattlerei seine Leidenschaft gefunden. Und sein besonderes Talent hat sich schon längst herumgesprochen. So schickt er jedes Jahr an die hundert Pakete in alle Welt, nach Österreich, Skandinavien und sogar in die USA. Dort soll kein Geringerer als Bo, der ‘First Dog’des US-Präsidenten Barack Obama, eines von Dörigs Halsbändern tragen.

Eines möchte der Appenzeller jedoch auf keinen Fall: die Welt mit seinen liebevoll gefertigten Produkten erobern. „Ich will klein und allein bleiben”, sagt er mit Überzeugung. Denn nur so kann er jedem seiner Schmuckstücke auch die Zeit und Liebe schenken, die es verdient. Wer bei Dörig ein Stück Appenzeller Tradition bestellt, hat dieses ein Leben lang. Und genau so lange hat er sich auch selbst dem Kunstgewerbe verschrieben.

 

Kunstgewerbe Dörig

Poststrasse 6

9050 Appenzell

+41 (0)71 787 11 82

www.myappenzell.com






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