Wandern: Trutg dil Flem, Flims Laax Falera – Der Bach und sein Dorf


„Falls wir sie heute nicht sehen sollten, so sieht die Tektonikarena auf Flimser Seite aus”, verkündet Curdin Bundi und deutet auf ein eindrückliches Bild des Segnesbodens samt Tschingelhörner. Der gebürtige Flimser weiss, dass unsere Chancen schlecht stehen. In der Nacht ist das Wetter von hochsommerlich auf herbstlich-verregnet gekippt. So ist Flims in einen nassen, grauen Schleier gehüllt. Hinter der Bergstation Naraus ist mit dem Sonnenaufgang eine dichte Nebelwand aufgezogen. Erst am Nachmittag ist Aufhellung in Sicht.


 

Eigentlich gar nicht so unpassend, dass uns das Wasser sozusagen entgegenkommt, denke ich und schlüpfe in meine Regenjacke. Denn genau um dieses Lebenselixier dreht sich unsere heutige Entdeckungsreise durch das grösste Bergsturzgebiet Europas. „Jede Stimmung hat etwas Reizvolles. Auch bei Schlechtwetter ist es oben schön”, fügt Curdin hinzu, als könne er meine Gedanken lesen. Ohne ein weiteres Wort zu wechseln, ist die Sache beschlossen und wir brechen auf.

 

Mit allen Wassern gewaschen

Fünfzehn Minuten später ist in Foppa bereits Endstation. Der Bahnbetrieb ist unterbrochen. Eine glückliche Fügung, wie sich schnell heraus-stellen sollte. Stimmungsvoll ist die ins warme Morgenlicht getauchte triefende Landschaft vor der Bergstation. An langen Grashalmen baumeln dicke Regentropfen und die Weiden wirken wie von einem weissen Seidentuch bedeckt. Das Pfeifen der Murmeltiere begleitet unseren Aufstieg vorbei an verträumten Maiensässen und wasserdurchtränkten Blumenteppichen. Die Bergwelt ist menschenleer und bezaubernd schön.

 

An der „Punt Desch” treffen wir nach etwa vierzig Gehminuten das erste Mal auf den Flimser Bach Flem, der als Lebensader des Dorfes gilt und dessen Wasser- und Stromversorgung garantiert. Als kleines Rinnsal entspringt er am Segnesboden inmitten des Welterbe-Gebietes Sardona. „Dort ist er so schmal, dass man mit einem Satz darüberspringen kann”, verrät Curdin. Nun, wenige Kilometer später, ist sein Rauschen schon bedeutend klangvoller.

 

Nach der Brücke ist es endlich soweit. Eine Abzweigung führt direkt in den „Trutg dil Flem.” Der vom Flimser Gastronomen und Touristiker Guido Casty initiierte Wasserweg wurde kürzlich mit dem Prix Rando 2014 – dem Prädikat des besten

Schweizer Wanderwegs – ausgezeichnet. Dementsprechend gross ist unsere Erwartung.

 

Über sieben Brücken

Bereits nach wenigen Metern eröffnet sich eine von hohen Bäumen gesäumte Schlucht mit Gletschermühlen und Felsnasen. Links und rechts liegt das Gestein blank. Über viele Jahrhunderte hinweg wurde es zu wahren Kunstwerken zurecht geschliffen. Dazwischen wälzt und dreht sich der Flem – übermütig, wie ein ungestümer Teenager – in seinem Steinbett, gurgelt und pfeift.

 

Neugierig folgen wir dem Wasserlauf talwärts über knorrige, ineinander verschlungene Wurzeln zur ersten von sieben Brücken, welche vom Churer

Ingenieur Jürg Conzett für den Erlebnisweg konzipiert wurden. Beinahe wie zufällig liegt das Beton Oval der „Oberste Brücke” zwischen zwei gewaltigen Gesteinsbrocken. Kunstvoll und modern steht das Konstrukt im Kontrast zur schlichten, hölzernen „Verweilbrücke”, die uns wenig später erneut den Übergang gewährt. Beide Gespanne sind – wie auch alle nachfolgenden Brücken – sorgfältig auf ihren Standort abgestimmt und stehen als selbstbewusste Kunstwerke in der wilden Naturlandschaft.

 

In gute Bahnen gelenkt

In Startgels nimmt uns wenig später der Gastronom Ueli Grand herzlich in Empfang. Der gebürtige Walliser hat heute speziell für uns die Türen geöffnet, denn die Einkehr bei ihm ist für Curdin ein absolutes Muss. „Ueli macht das beste Schweinekotelett in ganz Flims”, verrät unser Wanderführer und bestellt auch gleich für uns. Und tatsächlich versüsst uns eine schmackhafte, grosszügige Mahlzeit den Mittag. Lange plaudern wir über das Leben in Flims, bevor uns die ersten Sonnenstrahlen des Tages zurück ins Freie locken.

 

Dort schlängelt sich das nächste Wegstück des „Trutg dil Flems” entlang des Flussufers über Brücken aus Valser Gneis und Lärchenholz vorbei an Wasserrutschen, Planschbecken und Wasserfällen bis zum Ende der verwinkelten Schlucht.

 

Das kleine Rinnsal, das in Startgels noch ein Bächlein war, ist indes zum Fluss angewachsen. Nach der letzten hohen Rutschpartie sind nun auch die wilden Jugendjahre vorbei. Ruhig und gemächlich fliesst der Flem aus der Schlucht und speist auf seinem Weg zum Rhein die Zentrale „Punt Gronda” der „Flimser Wasserwelten.”

 

Dort wird nicht nur Trinkwasser und Strom produziert, sondern auch die stetig schwankende Höhe des Caumasees überwacht und reguliert. Denn das, was der Mensch mit dem Tunnelbau durch das Verletzen der Wasserader aus dem Lot gebracht hat, kann glücklicherweise wieder korrigiert werden. Dem Flem sei Dank!

 

Und so gesehen hat sich der Flimser Fluss, als Lebensader des Dorfes, seine neuerworbene Aufmerksamkeit auch wohl redlich verdient!

 

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Spotlight

Spot Tipps

Erlebnis:

Die Region Flims Laax Falera bietet 250 km markierte Wanderwege und 330 Mountainbike Kilometer. Besonders empfehlenswert ist eine eBike Tour zu den Badeseen Caumasee und Crestasee. Die Tour führt auch an Conn und der Aussichtsplattform II Spir vorbei, mit wunderbarem Ausblick auf die Rheinschlucht, den sogenannten ‘Swiss Grand Canyon’.

 

Familien:

Ami Sabi ist ein Freund des Waldes, der Tiere und Natur. Ami Sabi erzählt Kindern im Winter und Sommer gerne Geschichten und geht mit ihnen auf lehrreiche Entdeckungsreisen.

Kontakt

Flims Reservation
+41 81 927 77 77

www.flims.com

 

Praktisches

„Trutg dil Flem”

Länge insgesamt: 13,4 km (in Etappen begehbar)

Höhenmeter: 1’260

talwärts und bergwärts begehbar

Auszeichnung: Prix Rando 2014, der beste Wanderweg der Schweiz

www.trutg-dil-flem.ch

 

Text: Carina Scheuringer
Fotos: Sam Anderson






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