Wandern: Pizol, Ferienregion Heidiland – Wunderbarer Weitblick


Es herrscht Kaiserwetter am Pizol. Die Morgensonne klappt ihren Strahlenfächer aus. Über den Schwarzen Hörnern wölbt sich ein blitzblauer Himmel. Nur am Wildseehorn hängen noch vereinzelt Wolkenfetzen. Wir packen die Windjacken weg und greifen nach den Wanderstöcken, die Stephanie Schumacher bei der Bergstation der Pizolhütte für uns organisiert hat. Bei der gebürtigen Wangserin sind wir in guten Händen. Schon als Kind plantschte die Berghotelier-Tochter im Sommer in den fünf Bergseen der Panorama-Wanderung und sauste im Winter über die steilen Hänge ins Tal hinab. Nun steht sie mit prallem Rucksack zum Aufbruch bereit.


 

Stock und Stein

Vor uns steigt der Weg schwungvoll in grünen Kuppen bergauf in Richtung Westen. Links und rechts fällt die Landschaft in sanften, breit ausladenden Hängen ab; darüber erheben sich zackige Fels-kämme. Anhand dieser Geländeformen und des Gesteins lesen wir schon in der ersten Teiletappe im Geschichtsbuch unserer Erde. Die Überschiebungsfläche ist zwar von Geröll bedeckt, doch ist der bröckelige, weiche Flysch unter uns klar differenzierbar vom harten, verwitterungsbeständigen Verrucano-Gestein über uns. Fasziniert halten wir etwa 250 Höhenmeter unter der Wildseelücke inne.

 

Nun beginnt der anspruchsvollste Aufstieg unserer Rundwanderung. Mit jedem Höhenmeter werden unsere Schritte kürzer. Die Serpentinen rauben uns den Atem. An der Wildseelücke auf 2’493 Höhenmeter überblicken wir schliesslich die endlos scheinende Welt der Ostschweizer, Bündner und Österreichischen Alpen. Bis zum Horizont erstrecken sich krumme Rücken, Sättel und bewaldete Täler. Dazwischen scheinen Dörfer und Städte winzig klein und meilenweit entfernt zu sein. Dies ist der erste von vielen beeindruckenden Aussichts-punkten. Nicht umsonst gilt die 5-Seen-Wanderung als absoluter Klassiker der Schweizer Bergwelt.

 

Sagenumwobene Seen

Eine leichte Brise verheisst Wunderbares. „Wenn du den Wind spürst, bist du fast oben”, verkündet Stephanie und führt uns über eine Kuppe zum Fusse des Pizolgletschers. Dort glitzert, eingebettet im Steinkessel des Pizols und der Grauen Hörner, der sagenumwobene Wildsee. Je nach Lichteinfall schimmert das Wasser grün, kobaltblau oder aquamarin. Frühmorgens, wenn die Oberfläche spiegelglatt ist und sich die Berge kopfüber im See spiegeln, malt die Natur ein Bild, wie man es nur von Postkarten kennt.

 

Ausgelassen wie Kinder springen wir von einem Felsen zum anderen, bis uns unsere knurrende Mägen an das nächste Etappenziel erinnern. Auch dort – am türkis schimmernden Schottensee – ist das Wasser so klar und frisch, dass man es am liebsten gleich trinken möchte. Stephanie findet ein geeignetes Plätzchen für eine kurze Rast und zaubert Obst, Sandwiches und Chips aus ihrem Rucksack.

 

Ausgeruht und gestärkt ist der konstant ansteigende Übergang vom Schottensee über die Schwarzplangg – den höchsten Punkt der Wanderung – ein Leichtes. Oben angelangt, reicht der Blick vom Ringelspitz im Süden und dem Piz Sardona im Südosten, bis Glariden und Glärnisch im Westen. Wir versuchen, irgendwo auf der gegenüberliegenden Flanke die Spitzmeilenhütte zu erspähen, wo unsere erste Tour durch die Tektonikarena Sardona vor wenigen Tagen zu Ende ging. Auch sie gehört – wie der Pizol – zur Ferienregion Heidiland.

 

„Wisst ihr, wie wir es nennen, wenn man die 5-Seen-Wanderung in die umgekehrte Richtung begeht?”, fragt Stephanie, während sie einer Gruppe von entgegenkommenden Wanderern den Vortritt lässt. „Den Grüezi-Weg. Weil unsere Variante so beliebt ist, dass man umgekehrt ständig ‘Hallo’ sagen muss!” Sie lacht herzlich und ich nehme es den nächsten Wanderern kaum übel, dass sie bei all den „Grüezis” mal eines auslassen. Immer zahlreicher werden die Besucher, die sich im Laufe des Mittags am Pizol einfinden.

 

Von der Schwarzplangg führt der Weg berg-ab zum stillen Schwarzsee. Heute Nacht wird Stephanie hier zelten. „Ich hoffe nur, dass es nicht gewittert”, meint sie und blickt etwas besorgt auf die nun aufziehenden Wolken. Denn – so erklärt sie – besagt eine Legende, dass man hier in stürmischen Nächten noch immer das Brüllen des Stieres hören kann, den ein tapferer Knecht einst besiegte.

 

Mystische Momente

Nach einer kurzen Kneippkur im erfrischenden Schwarzsee steigen wir zu den „Steinmannli” auf dem Basegglakamm hoch. Dutzende Steinmännchen – in Form von Türmchen aufgestapelte Steine – rahmen dort den Blick auf das Rheintal. Dabei soll das Älteste aus prähistorischer Zeit stammen, als der Rundhügel auf Baseggla ein Kult- und Opferplatz war. In christlicher Zeit sind Prozessionen und Bittgänge zu den Steinobjekten auf Baseggla belegt. Diese Stelle gilt, wie zahlreiche weitere Plätze in der Ferienregion Heidiland, als Kraftort.

 

Über die Ostflanke des Gamidaur erreichen wir schliesslich den Baschalvasee mit seinen sanften grünen Hängen und dem Kuhglocken-Gebimmel. In der Ferne ist das Ende unserer Wanderung, die Bergstation Gaffia, schon in Sicht. So verharren wir noch etwas und geniessen das Schauspiel der Natur, ehe wir wieder in den Alltag zurückkehren. Schade, dass wir kein Zelt mitgebracht haben!

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Spotlight

Praktisches

Route: Pizolhütte – Wild-seelücke – Wildsee – Schottensee – Schwarzsee – Basegglakamm – Baschalvasee – Gaffia

Dauer:  4-5 Stunden

Anreise: mit Seilbahn und Sessellift von Wangs

Distanz: 9 km,

+530 m, -890 m

Konditionelle Einstufung: sportlich, anspruchsvoll

 

Verpflegung: Picknick

Familien: für sportliche Kinder ab 6 Jahren geeignet

 

Spot Tipps:

Beachten Sie den Betriebsschluss der Bergbahnen!

Kann man auch als kulinarische Picknick-Tour buchen.

Text: Carina Scheuringer
Fotos: Sam Anderson






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