Rennvelo: Tour d’Emmental


Rennvelo – Tour d’Emmental | Als E-Bike Eldorado ist das Emmental zu Recht bekannt. Doch auch für Zweiräder ohne Antrieb hat die Destination viel zu bieten. Die «Tour d’Emmental» wurde letzten Herbst speziell für Rennvelofahrer konzipiert. Sie ist 108 km lang, führt zu zahlreichen Aussichtspunkten und bietet herausfordernde Steigungen sowie anspruchsvolle Abfahrten.


Ihre strammen Waden lassen es erahnen. Rolf und Maya Vondercrone sind sportliche Zeitgenossen. Ihre Leidenschaft gilt dem Rennvelo, dem schnellsten Fortbewegungsmittel, das mit eigener Muskelkraft betrieben werden kann.

Für Rolf war es Liebe auf den ersten Blick. Im «Rennshop» in Burgdorf, einem bekannten Emmentaler Veloladen, entdeckte er vor etwa sechs Jahren ein Prachtexemplar eines Rennvelos und hängte sogleich sein altes Mountainbike an den Nagel. «Es hat mich das Filigrane fasziniert. Der schlanke Rahmen; die schmalen Reifen und das Schaltsystem, das man mit nur einer Hand bedienen konnte», erinnert sich Rolf.

Er investierte und wurde glücklich. Heute legt Rolf mit seinem treuen Gefährt pro Jahr rund 10’000 Kilometer zurück – mehr als mit dem Auto. Und auch seine Frau Maya konnte er längst für das Hobby begeistern.

«Ich liebe die Geschwindigkeit», schwärmt Rolf. «Nicht nur die rasante Abfahrt nach einem hart verdienten Aufstieg, bei der man schnell über 70 km/h erreicht, sondern auch, dass man in kurzer Zeit wirklich grosse Distanzen zurücklegen und richtig viel sehen und erleben kann.» Hier kommt ihm seine Heimat, das Emmental, gelegen, denn es strotzt nur so vor Abwechslungsreichtum – auch wenn das Emmental eigentlich nicht als Rennvelo-, sondern als E-Bike Hochburg bekannt ist.

Zu Unrecht, findet Maya. «Beide Veloarten passen perfekt zum Emmental. Hier geht es mal rauf, mal runter; man hat die Wahl zwischen unzähligen kleinen Strassen, die geteert und fast zur Gänze autofrei sind, ist stets im Grünen inmitten traumhafter Kulisse.» Sie ist überzeugt: Das E-Biken und das Rennvelo-Fahren ergänzen sich im Emmental ideal – auch wenn es sich zum Beispiel bei einem Zweiergespann ein Partner anspruchsvoller wünscht, als der andere.

Doch nicht nur die Velofahrer des Emmentales haben das Potential ihrer Heimat für verschiedene Zweiräder erkannt. Letzten Herbst riefen Touristiker mit der 108 km langen «Tour d’Emmental» eine Route speziell für Rennvelofahrer ins Leben. Sie führt in stolzen 6.5 Stunden von Burgdorf über die Lueg auf die Schönegg, über die Lüderenalp nach Trubschachen und nach Blapbach und letztlich über Röthenbach und das Chuderhüsi zurück nach Burgdorf. Ein Tag, der es in sich hat, wie Rolf aus erster Hand zu berichten weiss. Für Einsteiger empfiehlt er eine verkürzte Variante oder die Tour auf zwei Tage aufzuteilen – zum Beispiel mit einer Übernachtung in Langnau.

Bei der Testfahrt ist Isabelle Simisterra, Leiterin Emmental Tourismus und Co-Geschäftsführerin Emmental Tours AG, als Rennvelo-Neuling mit von der Partie und anfänglich etwas nervös ob ihrer routinierten Weggefährten. «Das macht gar nichts», versichert ihr Rolf, der sich regelmässig an der wöchentlichen Donnerstagabend-Gruppenausfahrt des «Rennshops» beteiligt. «In einer Gruppe macht jede Tour mehr Spass. Und hat jemand weniger Kondition, dann werden einfach mehr Pausen eingelegt. Das Wichtigste ist immer, sich gegenseitig mental zu unterstützen.»

Nach diesen aufmunternden Worten tritt das Dreiergespann voller Tatendrang in die Pedale. Zunächst führt ein sanfter Anstieg ins typische Emmentaler Bauerndorf Heimiswil; danach drei Anstiege in drei Etappen auf die Lueg. Oben angekommen, werden die Velofahrer mit einem grandiosen Ausblick belohnt. An einem klaren Morgen, wie diesen, stehen Eiger, Mönch und Jungfrau Spalier. «Die Lueg ist der perfekte Einstieg in jede Tour», verrät Rolf. «Wir sagen immer, geh auf die ‘Lueg go luege.’ Dort hast du den Fernblick über das Land; dort weisst du auch, wie deine Tagesverfassung ist.»

Fast ein halbes Dutzend an kleinen Wegen stehen nun zur Auswahl. Rolf, Maya und Isabelle folgen der «Tour d’Emmental» weiter in Richtung Affoltern i.E. und entlang schattiger Waldwege auf die Schönegg. Noch ein letzter grandioser Panoramablick und schon steht die erste Speed-Abfahrt bevor. «Hier erreiche ich jeweils meine Maximalgeschwindigkeiten», meint Rolf, ehe er sich auf seinem Velo ganz klein macht und so aerodynamisch, wie möglich, bergabwärts flitzt. Die Mädels gehen es lieber langsamer an. Unten sind die Fahrer in Wasen wieder vereint. Das Handwerkerdorf wirkt romantisch verschlafen, als wäre die Zeit hier stehen geblieben. «Eben typisch Emmental», schwärmt Maya.

Gebe es nun die Möglichkeit, via Sumisberg zurück nach Burgdorf zu fahren, will sich Isabelle die Lüderenalp nicht entgehen lassen. Sie zählt zu den anspruchsvollen Highlights entlang der Route. Der halbstündige Aufstieg ist hart und mit der Klassifikation Bergkategorie 2 versehen, doch er ist die Mühe allemal wert: Oben, auf der Hochebene, erwartet die Tourenfahrer ein ausgedehnter Mittag auf der längsten Aussichtsbank der Schweiz. Im Jahre 1890 entstand hier auf 1’141 m ü. M. ein Kurhaus, das sich auf Molkekuren und Tuberkulose-Patienten spezialisierte. Nach einem Brand 1961 wurde ein Neubau errichtet und das Kurhaus wurde zum heute sehr beliebten Hotel und Restaurant. Nach der Rast steht nun Rolfs Lieblingsabschnitt bevor: Die technisch anspruchsvolle Abfahrt nach Trubschachen. «Hier jagen sich die Club-Mitglieder immer gerne und fahren im gegenseitigen Windschatten», berichtet er; geht es heute aber gemütlich an.

Auf Trubschachen und einen Kaffeestop in der «Töpferei Aebi» folgt mit Blapbach das «Sahnehäubchen» der Tour. Einmal über das Kuhgitter gefahren, befindet sich das Dreiergespann mit einem Mal mitten in der Natur, umgeben von freilaufenden Kühen und Geissen. «Hier habe ich einmal einen neuen Weg ausprobiert und bin einem Bauern fast in die Scheune gefahren», erinnert sich Rolf. «Doch der Bauer hat sich so gefreut, dass jemand seinen Weg kreuzt, dass er mich gleich zu Kaffee und Kuchen eingeladen hat – das passiert noch oft im Emmental. Es lohnt sich wirklich, auch mal ziellos loszufahren und Neues zu entdecken.»

Schon vor dem letzten und grössten Aufstieg von Röthenbach auf das Chuderhüsi brennen Isabelles Waden. Rolf fährt daher neben ihr, lenkt sie mit Geschichten ab und motiviert sie, auch diese letzte grosse Hürde zu meistern. Nach einem Kaffee in der Eingliederungsstätte kann Isabelle nun die restliche Tour bergab nach Langnau und Burgdorf mehr oder weniger ausrollen lassen.

Die Mosegg will am Ende des Tages – ausser Rolf – niemand mehr meistern. Doch sie wird schon für das Folgewochenende eingeplant, denn schmerzen Isabelle nun zwar die Waden, so ist auch sie vom Rennvelofahren angetan und kann es kaum erwarten, das restliche Emmental neu zu entdecken.

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Spotlight

Tour d’Emmental 

Länge: 108 km 

Ausgangsort: Burgdorf 

Zielort: Burgdorf 

Aufstiege: 2’306m 

Abstiege: 2’306m Fahrzeit: 6h34m 

Karte: SchweizMobil

Kontakt

Emmental Tourismus 

Bahnhofstrasse 14 

3400 Burgdorf 

+41 (0)34 402 42 52 

emmental.ch 

 

Text: Carina Scheuringer
Fotos: Carina Scheuringer






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