Privatleute kochen für Privatleute: Züri kocht – An fremden Tischen


“Couch-Surfing” und “Car-Sharing” sind die Schlagworte der Moderne. “Sharing economy” nennt sich der Trend des Teilens, der von der anglophonen Welt in unsere Breiten übergeschwappt ist und sich in Plattformen wie “Mitfahrgelegenheit, “Kleiderkorb” oder “Sharely” widerspiegelt. Mit “Züri kocht” wird das Angebot nun um eine kulinarische Option erweitert: eine preiswerte Alternative zu Restaurants, bei der fremde Menschen in Privatwohnungen aufeinandertreffen, um in geselliger Runde Selbstgemachtes zu speisen. Wenn sich Menschen zum gemeinsamen Essen an einen Tisch setzen, passiert mehr als die Teller alleine vermuten lassen. Denn eine geteilte Mahlzeit hat symbolische Kraft. Sie schafft Nähe und verbindet; sie ist nicht nur Nahrung für den Körper sondern auch für die Seele. Doch was, wenn man niemanden hat, mit dem man essen könnte?


Genau in dieser Situation befand sich Thorsten Scherbaum, als er vor einigen Jahren von Deutschland in die Schweiz zog. Während der Woche konnte er den Tisch mit seinem Mitbewohner teilen, doch wenn dieser am Wochenende zu seiner Familie nach Österreich fuhr, war Thorsten oft alleine. Schade eigentlich, wo er doch so gut kochen konnte.

Zum Glück wusste sich Thorsten zu helfen. Seinen Unmut über das einsame Nachtmahl verwandelte er letzten November in eine Geschäftsidee. Gemeinsam mit dem Unternehmer und IT-Spezialisten Daniel Niklaus rief er “Züri kocht” ins Leben, eine Plattform, die Menschen, die gerne kochen, mit Menschen zusammenbringt, die gerne essen.

Ob das Duo damit den Puls der Zeit trifft, das wollten wir selbst herausfinden und verabredeten uns über das Internet zum Abendessen mit uns völlig fremden Personen.

Privatleute kochen für Privatleute

An einem Samstagabend steigen Sue und ich kurz nach sieben Uhr unweit vom Schlierner Bahnhof aus dem Bus. Am Zebrastreifen begegnet uns Rudolf. Die Flasche Wein, die auch er in der Hand hält, outed ihn als einen unserer Mit-Gäste. Wir sind also auf dem richtigen Weg.

Sabine und Peter haben heute Heimvorteil. Das Paar war unter den ersten Kunden von “Züri kocht.” Über die Medien erfuhren sie letzten November vom Jungunternehmen und meldeten sich sofort als Gastgeber an. Beim ersten Ess-Abend blieb ihr Tisch jedoch leer. “Vielleicht lag es an meiner Menüwahl“, mutmasst Sabine. Seither hat sie jedenfalls immer volles Haus.

Auch heute waren die sechs Plätze schnell vergeben. Sabine hat jeden einzelnen Teilnehmer gegoogelt und dann zugesagt. Nun erwartet sie uns gemeinsam mit Peter – und die Vorfreude ist gross. Tatsächlich ist die Begrüssung so herzlich, als würden wir uns irgendwie schon von früher kennen. Mit Martina, Rainer und Sandra sind wir bald komplett. Während Peter die ersten alkoholischen und alkoholfreien Korken fliegen lässt, serviert Sabine einen Apéro aus verschiedenen Salzen und Ölen. Im Nu entwickeln sich die ersten Gespräche; freundlich, zwanglos und unkompliziert. Fremdeln und vornehme Zurückhaltung sind hier deplatziert; schliesslich hat man ja nur einen einzigen Abend.

Ein gelungener Abend

Während wir uns zurücklehnen und munter darauf losplaudern, erledigt Sabine in der Küche die letzten Handgriffe für ihr 3-Gänge-Menü. Sabine ist Köchin aus Leidenschaft – kocht für Peter und sich ohnehin immer viel zu grosse Portionen – und freut sich nun über die fremden Gäste. “Ich gehe nicht gerne ins Restaurant», meint sie und Sandra stimmt ihr zu. Meistens sei ein Restaurantbesuch nur teuer und so gut, wie zuhause, schmeckt es auch nicht. Ausserdem fehle oft die Geselligkeit.Ein weiterer grosser Unterschied zum auswärtigen Essen ist, dass der Koch oder, wie in diesem Fall die Köchin beziehungsweise Gastgeber, gemeinsam mit den Gästen speisen. So ist es zwar richtig, dass Fremde in die Wohnung kommen, diese jedoch am Ende zumeist als Freunde gehen. Das bestätigt auch Peter, dem die Gespräche und Begegnungen der früheren Kochabende noch immer in guter Erinnerung geblieben sind.

An diesem Abend startet das Menü mit einem “Tartar aus geräuchertem Lachs mit gewürfelten Randen und zartem Sahne-Meerrettich.”Das liebevoll gestaltete Türmchen ist so schön wie ein Kunstwerk und schmeckt auch so gut, wie es aussieht. Für Rainer und sich selbst tischt Sabine eine etwas abgeänderte Variante auf. Im Vorfeld hat sie sich nämlich genau über etwaige Allergien und Vorlieben ihrer Gäste erkundigt. “Es soll doch schmecken“, sagt sie pragmatisch. Zur Gemüse-Lasagne reicht Sabine anschliessend als Beilage Salat mit Baguette und feiner Alpbutter und rundet das Menu mit einer köstlichen Grappa-Creme und einer Auswahl an Getränken ab. Bei Espresso und Grappa wird es besonders gemütlich. Allen Anwesenden ist anzusehen, wie der Stress des Alltages langsam wegfällt. Die Atmosphäre ist warm und privat; das gemeinsame Mahl hat aus völlig Fremden Bekannte, vielleicht sogar Freunde gemacht. Unterschiedlichste Hintergründe haben zu interessanten Gesprächen geführt. Am Ende ist die Verabschiedung ebenso herzlich, wie es der ganze Abend war und alle Gäste gehen wieder ihre eigenen Wege – mit besonders gutem Bauchgefühl und einem Quäntchen Dank-arkeit, dass Thorsten den Mut hatte, diese Idee mit Daniel umzusetzen.

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Kontakt

Züri kocht

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Preise: werden vom Koch, bzw. den Gastgebern bestimmt

www.zueri-kocht.ch

Text: Carina Scheuringer
Fotos: Carina Scheuringer






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