Latenium: Fensterin die Vergangenheit 


Latenium: Das Erbe der Pfahlbauer – die Funde in zahlreichen Seen, Sümpfen und Mooren – geben, wie kein anderes Kulturgut, Aufschlüsse über das tägliche Leben unserer Ahnen. 


Vor 150 Jahren wurde am Zürichsee die erste Pfahlbau- Siedlung entdeckt – eine archäologische Sensation, die weltweites Interesse auslöste, denn es wurde mit diesem Fund die Urgeschichte zum ersten Mal lebendig.

Seit jeher hatte sich die Schatzsuche der Archäologen auf die Welt der Toten fokussiert. Gräber hatten Knochenfunde und Beigaben zu Tage gebracht, die auf Rituale und Jenseitsvorstellungen schliessen liessen; jedoch wenig über das tägliche Leben unserer Vorfahren verrieten.

Anders die Fundstätten der Pfahlbauer. Sie schenkten der Wissenschaft einen Reichtum an neuartigen Fundstücken, darunter auch organische Stoffe und Alltagsgegenstände, wie Kleider, Essens-vorräte, Holzgefässe, Korbwaren, Fischer-netze usw. und öffneten somit ein neues Fenster in die Zeit von 5’000 bis 500 v. Chr.

«Die Sensation ist dem Wasser zu verdanken», verrät Marc- Antoine Kaeser, Direktor des Laténiums und assoziierter Professor für Urgeschichte an der Universität Neuchâtel. «In Nassgebieten – Seen, Sümpfen und Mooren – ermöglichte die ständige Feuchtigkeit und die Absenz von Sauerstoff eine einzigartige Form der Konservierung.»

Rund um die Alpen sind heute etwa 1’000 derartiger Fund-orte bekannt; davon 450 in der Schweiz. Da die meisten Siedlungen durchschnittlich jeweils nur rund 20 Jahre bestanden und an denselben Plätzen immer wieder neu er-richtet wurden, schätzt man die Anzahl der individuellen Dörfer in die Zehntausende. Ein gewaltiger Schatz, der die UNESCO im Juni 2011 dazu bewegte, 111 Stellen in den Ländern Schweiz, Österreich, Frankreich, Deutschland, Italien und Slowenien zum Weltkulturerbe zu erklären.

Heute führt eine speziell entwickelte App, der Audioführer «Palafittes Guide», zu den 56 ausgezeichneten Fundstellen in der Schweiz. Da die prähistorischen Siedlungen jedoch unter Wasser liegen, empfiehlt sich für ein greifbareres Erlebnis vor allem ein Besuch im Laténium in Hauterive am Neuenburgersee; ein faszinierender Ort der Kulturvermittlung, Wissenschaft, Lehre und Konservation.

Im Zuge der Seekorrektur in den 1960er Jahren sowie im Vorfeld des Baus der Autobahn wurden hier vor Ort Unmengen von prähistorischen Funden geborgen, die nun in der Dauerausstellung «Gestern… zwischen Mittelmeer und Nordsee» zu sehen sind. Das Museum ist in einen Archäologiepark eingebettet, in welchem sich Besucher auf einen Spaziergang durch die Zeitgeschichte begeben können. Neben Ökosystemen verschiedener Epochen wurden auch Pfahlbauten authentisch nachgebaut. Schon ein Blick auf diese stellt einen weiterverbrei-teten Irrglauben richtig: Die Pfahlbauer lebten nämlich nicht auf Stelzen am Wasser sondern lediglich in Ufernähe. Eben dort, wo sich heute auch das Laténium befindet.

«Die ständige Feuchtigkeit und die Absenz von Sauerstoff ermöglicht eine einzig-artige Konservierung.»

Marc-Antoine Kaeser

✎ Carina Scheuringer Carina Scheuringer und zVg 66

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Pfahlbaudorf Gletterens

Neben dem Laténium vermittelt auch das Pfahlbaudorf Gletterens einen faszinierenden Zugang zum Leben der Pfahlbauer: Gäste können hier in den Alltag der Urzeitmenschen eintauchen, eigenhändig Gefässe flechten, Feuersteine herstellen sowie Kochen wie die Pfahlbauer. Zum Schlafen stehen Tipis zur Verfügung.

www.village-lacustre.ch

Kontakt

Laténium 

Espace Paul Vouga 

2068 Hauterive 

+41 (0)32 889 69 17 

www.latenium.ch 

www.palafittes.org 

Text: Carina Scheuringer
Fotos: Carina Scheuringer und zVg






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